Antifa-Wochen 2026

Auch in diesem Jahr finden in Leipzig die Antifa-Wochen statt. Vom 16. Oktober bis zum 1. November gibt es täglich Veranstaltungen - Zeit zum Vernetzen, öffentliches Gedenken, Podiumsdiskussionen und abschließend natürlich auch eine Party. Neu in diesem Jahr: eine eigene Website für das Programm und alle aktuellen Infos unter antifa-wochen.org.

Ein Jahr ist es her, dass wir zum ersten Mal die „Antifa-Wochen” veranstalteten. Seither ist viel passiert, und eines brauchen wir wohl niemandem zu erzählen: Die Verhältnisse haben sich nicht zum Besseren gewendet. Wir ersparen uns eine Auflistung der destruktiven Entwicklungen und fokussieren uns auf eins: Die anhaltende Krise übt einen immensen Druck aus – auf die Gesellschaften weltweit, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf jede:n Einzelne:n.

Unter diesem Druck tun die Menschen aber gerade nicht das Naheliegende: sich zusammenzuschließen, um, selbst wenn sich an den großen Verhältnissen eh nichts ändern lässt, so doch zumindest auf der Ebene, die wir beeinflussen können, solidarisch zu sein. Im Gegenteil. Die Tendenz, sich gerade in krisenhaften Zeiten voneinander abzuwenden, setzt sich fort. Dabei wäre gerade der reflektierte Zusammenschluss der Menschen das, was die Basis für Veränderung bilden könnte: Veränderung gegenüber den Verhältnissen, die über uns allen walten. Stattdessen flüchten die Menschen. Die einen schließen die Augen und versuchen, so wenig wie möglich von dem mitzubekommen, was in der Welt passiert. Die anderen flüchten sich in Ideologien, die ihnen trotz aller realen Ohnmacht zumindest das Gefühl vermitteln, Handlungsmacht zu erwerben.

Dabei zeigen diese Ideologien eine strukturelle Ähnlichkeit: Wenn die Verhältnisse größer sind als wir selbst, dann scheint die einzige Lösung darin zu liegen, sich einer Sache anzuschließen, die ebenfalls größer ist als wir selbst. Der Zusammenschluss unter diesem Vorzeichen steht unter der Voraussetzung seine Individualität zu opfern, die zwischen uns und einem solchen Dienst steht. Damit steht die Sache, der wir uns anschließen, nur noch vermittelt in unserem Dienst. Wesentlich stehen wir im Dienst dieser Sache.

Dieses Sich-in-den-Dienst-einer-Sache-Stellen führt zwar zu kurz- und mittelfristigen Mobilisierungen und zu einem gesteigerten Gefühl von Handlungsfähigkeit. Zugleich haben Ideologien ein zentrales Problem: Sie sind nicht wahr. Wer auf ihrer Grundlage handelt, handelt nicht mehr im eigenen Sinn, sondern im falschen, und verwirklicht damit genau das, wogegen man sich eigentlich richten wollte: die falschen Verhältnisse, die das Leben von immer mehr Menschen bedrohen und die Bereiche relativer Sicherheit auf der Welt immer kleiner werden lassen.

Der Mensch, der im Dienst der großen Sache steht, ist selbst schon Ausdruck einer Tendenz, die wesentlich für den Faschismus ist. Im Faschismus erlischt die Bedeutung des Individuums vollständig. Die Verhältnisse walten, als wäre menschliches Leben nichts weiter als ein zu verschleißender Brennstoff, der nötig ist, um gesellschaftliche Strukturen umzuwälzen. Dafür ist keine spezielle politische Orientierung nötig. Es reicht aus, bereit zu sein, den anderen totzuschlagen, wenn es sein muss, und sich am Ende auch selbst totschlagen zu lassen. Der Kampf gegen den Faschismus ist also neben aller nötigen konkreten Praxis auch immer der Kampf dagegen, dass der Mensch in sich und anderen nur noch das Ding sieht, zu dem die Verhältnisse ihn längst gemacht haben.

Um nicht Opfer der Verhältnisse zu werden und um andere nicht zu opfern — als ließen sich die Verhältnisse dadurch irgendwie gnädig stimmen —, muss man sie begreifen. Viele glauben, diesen Teil schon erledigt zu haben: Man weiß schon alles, was man wissen muss, um gegen das Falsche ankämpfen zu können. Allzu oft zeigt sich aber, dass hier ein Irrtum vorliegt, sogar vorliegen muss. Denn die Welt und die Verhältnisse sind kein toter, sondern ein lebendiger Ort. Wer glaubt, Wissen sei unveränderlich, glaubt auch, dass die Welt es ist. Wissen muss sich der Bewegung in der Welt anpassen, ihr folgen, damit es lebendig bleibt. Und nur ein lebendiges Wissen hat das Potential in sich, tatsächlich eine Veränderung herbeizuführen, die etwas anderes ist als die große Destruktion, die sich derzeit überall ankündigt.

Antifaschismus ist damit nicht nur der Kampf gegen konkrete Nazis und ihre Organisationsstrukturen. Er ist auch die anhaltende Anstrengung, uns in Gedanken gegenüber den sich verhüllenden und verbergenden Verhältnissen zu behaupten, zu schauen, dass man sich als Mensch begreift und verwirklicht, um den anderen überhaupt als einen erkennen zu können.

Um hierzu einen Beitrag zu leisten, gehen wir mit den „Antifa-Wochen” in die zweite Runde. Wie letztes Jahr bieten wir einen Strauß an Veranstaltungen, die wir genau wie letztes Jahr nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit alten und neuen Gruppen der Stadt sowie mit vielen Einzelpersonen auf die Beine stellen. Wir geben kein inhaltliches Thema vor. Jede Gruppe bringt sich so ein, wie sie es für richtig und wichtig hält und wie es die eigenen Ressourcen zulassen. Dabei halten wir an unserem autonomen Anspruch fest und organisieren uns weiterhin jenseits von Parteien, Gewerkschaften und anderen vergleichbaren Gruppierungen.

Kommt vorbei, besucht die Veranstaltungen und Aktionen oder macht euch einen schönen Abend in guter Gesellschaft auf unserer Party und den Kneipenabenden. Wir sehen uns.

antifa-wochen.org