Antifa-Gedenkkundgebung zum 9.11.2026

9.11., 17 Uhr, Karl-Heine-Platz

Seit September 1935 wurden Jüdinnen und Juden deutscher Staatsbürger:innenschaft durch die Nürnberger Gesetze weitgehend entrechtet. Die Gesetze „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ entzogen ihnen nicht nur die Möglichkeit in der Öffentlichkeit frei von Diskriminierung leben zu können, sondern drangen auch tief in die privatesten Bereiche ihres Lebens vor. Ehe, Familie, Liebe und Sexualität; alles sollte unter die staatliche Kontrolle gebracht werden. Die Dimension dieser Maßnahmen war neu. Sie waren Ausdruck eines modernen Antisemitismus, der jedoch insbesondere mit einer sich stets verschärfenden, diskriminierenden Gesetzgebung an eine jahrhundertealte, antijudaistische und antisemitische Tradition anschloss. Viele Jüdinnen und Juden waren von den Gesetzen nicht überrascht, sondern befürchteten die bevorstehenden Verschlechterungen und die drastischen Einschränkungen ihrer Staatsbürger:innenrechte spätestens seit dem ersten Wahlsieg der Nationalsozialisten. Die Schikanen, Drangsalierungen und Boykotte waren ohnehin und auch ohne die Nürnberger Gesetze schon traurige Normalität geworden.

Mit den Nürnberger Gesetzen ergab sich jedoch auch so etwas wie die Möglichkeit der Vorausschau auf das, was der jüdischen Bevölkerung noch bevorstand. Gerade auch, weil es sich um den vermeintlich rechtsstaatlichen Weg der Gesetzgebung handelte, konnte eine Art Rechtssicherheit der Diskriminierung erwartet werden. Trotz der mit den Gesetzen offenkundig werdenden Bedrohung für das Leben aller Jüdinnen und Juden, – unabhängig davon, wie säkular oder assimiliert sie sich selbst verstanden oder lebten – blieben viele der von den Nationalsozialisten als des Lebens unwert Be- und Gekennzeichneten in Deutschland. Ohnehin gab es wenig Alternativen. Das Land, das einmal das der Täter:innen sein würde, war auch ihre Heimat.

Mit den in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 beginnenden Pogromen änderte sich die Situation der deutschen Jüdinnen und Juden jedoch völlig. Die staatlich orchestrierten Pogrome waren der Beginn einer neuen Dimension der Verfolgung. Auf die vermeintlich rechtsstaatliche Entrechtung folgte die keinem rechtsstaatlichen Anschein mehr bedürfende Entwürdigung. Mord und Verfolgung entwickelten sich binnen weniger Jahre zur staatlich organisierten Massenvernichtung an den europäischen Jüdinnen und Juden. Der 9. November 1938 markiert den Beginn dessen, was in Auschwitz sein Ende nahm.

Daher wollen wir uns auch dieses Jahr, 88 Jahre nach den tagelang wütenden Pogromen, den brennenden Synagogen und den hunderten, wenn nicht tausenden Toten dieser Novembertage, versammeln. In vielerlei Hinsicht wäre auch jedes andere Datum geeignet, denn nicht ein Tag nach dem 9. November 1938 bis zur Befreiung 1945 ist frei von dem, was sich so einfach der Vorstellungskraft entzieht: die Vorbereitung und Durchführung des massenhaften Mordes an jenen, denen ihr Menschsein abgesprochen wurde und die getilgt werden sollten von der Erde, getilgt aus den Erinnerungen und der Geschichte. In der heutigen deutschen Gesellschaft steht der 9. November dafür Halt zu finden, für die Möglichkeit das Grauen in Worte zu fassen und der Toten zu gedenken.

Das alljährliche Gedenken ist auch der Versuch etwas zu begreifen, das aufgrund seiner Irrationalität, bei gleichzeitiger technischer Präzision und unter Anwendung derjenigen Mittel, welche bis dahin als Versprechen des gesellschaftlichen Fortschritts galten, nur schwer zu begreifen ist. Die permanente Präsenz der grausamen Taten wäre vermutlich ohnehin so lähmend, dass mit ihr die Fähigkeit verloren ginge, sich gegen die mögliche Wiederholung der Geschichte zur Wehr zu setzen. Und wenngleich auch ein einzelner Tag der Aufgabe „die endgültige Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln“ zu erkämpfen und der Forderung, „dass Auschwitz sich nie wiederhole“, nicht gerecht werden kann, so ist er doch der Versuch, denen, von denen die Nationalsozialisten nichts als Rauch übrig lassen wollten, durch den Verweis auf ihr Fehlen einen Platz in unserer Wirklichkeit zukommen zu lassen.

Kommt am 9.11. um 17 Uhr zur Antifa-Kundgebung am Karl-Heine-Park in Leipzig/West.