Kurzbericht zum Gedenken an Bernd Grigol

Am 8.5.2026 gedachten Antifaschist:innen der Ermordung Bernd Grigols vor dreißig Jahren. Er wurde von drei Neonazis auf brutalste Art umgebracht. Das Gedenken fand auf dem Pater-Aurelius-Platz in Leipzig–Wahren statt. Nach dem Verlesen eines Redebeitrages wurden in der nähreren Umgebung Plakate, die über die Tat informieren, angebracht. Anschließend wurden in der Gottlaßstraße, wo von Antifaschist:innen vor ein paar Jahren eine Gedenkplakette angebracht worden war, Blumen niedergelegt und die Plakette von einem Tag gereinigt.

Wir dokumentieren hier den Redebeitrag:

30 Jahre ist es her, dass hier in Wahren der 43-jährige Bernd Grigol von drei Neonazis ermordet wurde. Bernd Grigol betrieb zusammen mit seinem Freund einen Laden in Leipzig. Aus seiner Homosexualität machte er hier im Stadtteil kein großes Geheimnis. Und auch seinen Mördern war dieser Umstand wohlbekannt. In der Nacht vom 07. auf den 08. Mai beleidigen die drei Nazis ihn mit den Worten „Hau ab, du schwule Ratte!“, ehe sie ihn schwerst misshandelten, ihm die Augen ausstachen und schließlich töteten. Mindestens 36 Mal stachen sie mit einem Messer auf ihr Opfer ein, warfen Bernd Grigol dann in den Autokofferraum eines vierten Täters, um den reglosen Körper anschließend in einem nahegelegenen See in Ammelshain zu schmeißen. Das Gericht erkennt zwar den Mord aus „Lust und Laune an körperlicher Misshandlung” an und verurteilte die Täter entsprechend, ein Todesopfer rechter Gewalt wollte das Gericht aber nicht erkennen – entgegen aller doch eindeutiger Hinweise aus der vorherigen Hausdurchsuchung und unzweifelhaften politischen Orientierung der Täter.

Nach 30 Jahren könnte manch einer jetzt vielleicht meinen, dass der Tod von Bernd Grigol und dessen Umstände zwar schrecklich gewesen waren, man ja nun aber auch durchaus mal Ruhe geben könnte mit dem ganzen Gedenken. Die Zeiten – und mit ihr die Gesellschaft – haben sich schließlich geändert.

Aber was machen wir dann trotzdem hier? Gedenken bedeutet für uns zweierlei: einerseits nicht zu vergessen, wozu Menschen leichterdings fähig sein können. Da reicht aus Sicht der Täter das falsche Aussehen, die falsche Herkunft oder im Fall von Bernd Grigol die falsche, gelebte Sexualität, um einen Menschen zu ermorden.

Sicherlich hat sich der Stadtteil hier mittlerweile verändert: Wenn Wahren Mitte der 1990er Jahre noch ein Schwerpunkt schwulenfeindlicher Übergriffe in Leipzig war, wie der damalige sogenannte Schwulenbeauftragte der Stadt Leipzig, Thomas Krakow, dem Stadtteil attestierte, so ist diese unrühmliche Poleposition so heute nicht mehr gegeben. Dennoch stellen wir fest: Sie nimmt aktuell wieder zu, die Anhängerschaft derer, die denken, dass Abweichungen von der Heterosexualität ein Angriff auf die deutsche Gesellschaft als Ganzes darstellen und entsprechend bekämpft gehören. Das BKA weist in einem Lagebericht aus dem Jahr 2025 darauf hin, dass sich die Straftaten in den Bereichen „Sexuelle Orientierung” und „Geschlechtsbezogene Diversität” seit 2010 in Deutschland nahezu verzehnfacht haben. Laut der Amadeu Antonio Stiftung kam es 2025 bei fast jeder zweiten CSD-Veranstaltung zu Störungen oder Übergriffen – mit 111 Fällen ein Rekordhoch. Von rechten Gegendemonstrationen über Körperverletzung bis hin zu Hetze und Sachbeschädigungen war alles vertreten. Und auch die AfD machte erst vor kurzem in ihrem Wahlprogramm für die diesjährige Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich, was aus ihrer Sicht das Problem ist. Sie bemängelt, dass „sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen mittlerweile mehr Akzeptanz genießen und offensiver beworben werden als die normale Familie aus Mann und Frau”. Das soll sich ändern. Sie sprechen sich „daher klar gegen die staatliche Bewerbung und Förderung alternativer Lebensentwürfe aus. […] Die Sonderstellung der Familie aus Vater, Mutter und Kindern ist daher beizubehalten und als gesellschaftspolitisches Ziel zu formulieren, um die Zukunft und den Fortbestand unseres Volkes zu garantieren.” Ferner „werden die verschiedensten Ausprägungen nicht-normaler Geschlechtsidentitäten oder abseitiger sexueller Vorlieben geradezu beworben und bei Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter ins Bewusstsein gerückt. Das ist übergriffig und geht zu weit!”

Was mit Personen passieren soll, die ihre „nicht-normalen Geschlechtsidentitäten und abseitigen sexuellen Vorlieben” nicht im stillen Kämmerlein belassen, lässt die AfD offen. Die Mörder von Bernd Grigol taten es nicht. Er war ihnen so wenig wert, dass sie ihn vor 30 Jahren ermordeten und in einen See warfen. Und das ist der zweite Grund, warum wir auch dieses Jahr wieder hier sind. Es ist der anhaltende Kampf, den Ermordeten den Wert ihres Lebens zurückzugeben. Dagegen zu kämpfen, dass sie zu dem werden, was die Nazis aus ihnen machen wollten: ein Nichts, eine Bedeutungslosigkeit. Die Mörder von Bernd Grigol wollten, dass er verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Deswegen ist unser heutiges Gedenken auch ein Kampf darum, dass die Mörder nicht gewinnen.

Auch nach 30 Jahren: In Gedenken an Bernd Grigol!