Redebeitrag auf der Kundgebung in Gedenken an Klaus R.

Am 28. Mai 2026 fand vor der translib in Leipzig auf der Lützner Straße eine Kundgebung in Gedenken an Klaus R. statt. Die translib rief dazu auf, sich:

seinen Todestag, der sich am 28. Mai 2026 zum 32. Mal jährt, zum Anlass [zu]nehmen, um Klaus R. zu gedenken. In Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis Antirassimus haben wir dafür eine Gedenkplakette an das von uns genutzte Haus in der Lützner Straße 30, Leipzig – Lindenau angebracht, die seine Geschichte sichtbar macht und in Erinnerung hält. Es werden kurze Reden halten. Wir freuen uns, wenn ihr Blumen und Kerzen mitbringt.

Im folgenden dokumentieren wir unseren Redebeitrag, den wir auf der Kundgebung gehalten haben:

Gegen das Vergessen: In Gedenken an Klaus R.             

Vor 32 Jahren, in der Nacht auf den 28. Mai 1994, wurde Klaus R. in seiner Wohnung irgendwo auf der Lützner Straße von seinen Nachbarn ermordet. Klaus R. war allein, als er seinen Tätern zum Opfer fiel, und dieser Umstand war wesentlich für die Täter und ihre Fähigkeit zur Grausamkeit. Ihre Gewissenlosigkeit war dabei nicht einfach ein individuelles Defizit, sondern Ausdruck einer kollektiven Dynamik, durch welche sich die Täter befähigten, Klaus R. zu misshandeln und schlussendlich zu ermorden.            

Klaus R. und seine Mörder kannten sich. Die Nazis hielten im selben Haus, in dem auch Klaus R. lebte, eine Wohnung besetzt und bezogen zeitweise sogar Strom von ihm. Nachdem sie Klaus R. tagelang erniedrigt hatten, weigerte er sich, die Demütigung weiter über sich ergehen zu lassen. Die durch die vergangenen Quälereien bereits enthemmten Täter aber duldeten keinen Widerspruch. Sie beendeten das Leben von Klaus R. und damit das, was sie mit ihren entmenschlichenden Angriffen begonnen hatten.            

Im Gerichtsprozess attestierte der leitende Oberstaatsanwalt den Mördern eine feindselige, sadistische Haltung, und damit sowohl eine Lust am Schmerz, den sie Klaus R. zufügten, als auch eine entlastende Befriedigung an seinem Leiden. Sie machten Klaus R. zum Opfer, um nicht selbst eins zu sein. Die Härte, zu der sie anderen gegenüber fähig waren, waren sie ebenso bereit, gegen sich selbst zu richten, denn dass der Mord zugleich das Opfern ihrer eigenen Freiheit bedeuten würde, wird ihnen bekannt gewesen sein. Aber sie waren bereit, diesen Preis zu bezahlen, um im Gewaltexzess Handlungsmacht und Bedeutung gewinnen zu können.            

Ihre Tat ereignete sich nicht im luftleeren Raum. Die Mörder rotteten sich in einer Zeit zusammen, in der die Autorität der ehemaligen DDR zusammengebrochen war. Die gesellschaftlichen Institutionen, die zuvor für Recht und Ordnung gesorgt hatten, waren verschwunden; die Stasizentrale war gestürmt worden, Akten verbrannt; die frühere Autorität hatte ihre Bedeutung verloren.            

Dies führte zu einer für die Nachwendezeit in Ostdeutschland spezifischen Enthemmung, die eine Zeit hervorbrachte, in der faschistische Morde dabei waren, zur Normalitätzu werden. Allein in den ersten vier Nachwendejahren wurden in Deutschland mindestens 90 Menschen durch Faschisten ermordet. Auch in Leipzig war Klaus R. bereits das zweite Mordopfer faschistischer Gewalt, nachdem am 01. Juli 1991 bereits Gerhard S. von zwei Neonazis aus einer Straßenbahn gestoßen worden war und an den Folgen starb. Weitere Opfer folgten.            

Das Wenige, was über Klaus R. bekannt ist, stammt aus Zeitungsartikeln: Sein kurzes Leben im wiedervereinigten Deutschland war von Armut und Alkoholabhängigkeit geprägt. Er lebte in Leipzig-Lindenau, und damit in einem Viertel, das damals von Ruinen und Verfall gezeichnet war. Im ehemals bedeutendsten Industriegebiet Leipzigs wurde schon vor 1989 kaum mehr investiert. Die Wohnquartiere verfielen und viele Menschen verließen den Stadtteil. Der stinkende und sich selbst überlassende Kanal in Plagwitz unterstrich die Verwahrlosung.            

Es handelte sich um eine Zeit, in der polizei- und rechtsfreie Räume im Leipziger Westen entstanden waren. Ausgebrannte Trabis auf der Straße waren Sinnbild des Zusammenbruchs und zugleich der konkrete Beweis dafür, dass staatliche Autoritäten hier keine Rolle spielten. Denn: Die neuen Institutionen waren noch nicht etabliert. Sie eigneten sich noch nicht als Garant zur Durchsetzung gesellschaftlicher Ordnung. Dass die Naziskins in Lindenau eine Wohnung besetzen konnten, mussten sie auch als Beweis dafür sehen, dass sie machen konnten, was sie wollten.       

So wenig ist heute über die Tat bekannt, dass nicht einmal klar ist, in welchem Haus auf der langen Lützner Straße Klaus R. lebte. Sicher aber ist, dass seine Mörder es Klaus R. nicht vergönnten, überhaupt ein Leben zu führen. Sie gönnten es ihm nicht, sein Leben zu genießen, gönnten ihm nicht seine Individualität, gönnten ihm kein Leben ohne Angst vor Willkür und Gewalt, billigten ihm keine Würde zu, kurz: Sie gönnten ihm nicht das, was – wenn auch als leeres Versprechen – als humanistischer Individualismus über die ehemalige innerdeutsche Grenze kam.            

Dass Klaus R. allein war, als er sterben musste, war kein Zufall. Aber es war auch nicht das planvoll-rationale Vorgehen der Nazis, um einer späteren Strafverfolgung zu entgehen. Vielmehr drückt sich in seinem Alleinsein – im Leben wie im Sterben – eine gesellschaftliche Isolation aus, welche die Täter glaubten, im Mord an ihrem Opfer beseitigen zu können. Indem sich die Faschisten zusammenschlossen, im zum Mord bereiten Bund, beendeten sie ihre eigene Einsamkeit und wandelten damit ihr Verlorensein in gemeinsame Stärke. Sie entflohen ihrer Ohnmacht durch ihre gemeinsam aufgerichtete Handlungsfähigkeit, genau in dem Moment, in welchem sie sich in ihrer kollektiven Enthemmung vergaßen.

Diese Art sich zu vergessen war und ist nie nur auf einen einzelnen Mord beschränkt. Es schlummert als Potenzial in einer Gesellschaft, die den Einzelnen isoliert und ihn auf seinen Nutzen reduziert. Das Nutzlose ist das, was schon immer einen Strick um den Hals liegen hat, und es ist das Nutzlose, an dem sich die kollektive Gewalt derer entlädt, die ihre eigene Nutzlosigkeit und ihren eigenen Untergang fürchten. Für sich genommen, ohne den Schutz und die Stärke ihrer kläglichen Zusammenrottung, hätte jeder der Mörder selber Klaus R. werden können: ein armer und hilfloser Mann, der der Willkür anderer ausgesetzt ist.            

So sinnlos der Mord an Klaus R. war, so wenig lässt sich aus seinem Tod eine logische Konsequenz ziehen. Es besteht keine gesellschaftliche Notwendigkeit, die daraus erwächst. Keine Anleitung für eine antifaschistische Praxis. Vielmehr sind es die täglichen Entscheidungen und die Fähigkeit, sich zu dem, was in der Welt passiert, in ein lebendiges Verhältnis zu setzen. Antifaschismus ist weder Etikett noch eine Lebenseinstellung. Antifaschismus ist ein praktischer Ausdruck des Kampfes um das Leben selbst.