Redebeitrag: Kundgebung zur Urteilsverkündung im Prozess um Maja
Liebe Genoss:innen,
auch wir möchten heute noch kurz ein paar Worte verlieren. Zu Maja, der Auslieferung und zum Prozess wurde schon einiges gesagt. Wir wollen uns nicht wiederholen und schließen uns dem Gesagten an – möchten aber nochmal auf den Aspekt eingehen, der sich als Thema aufdrängt: die veränderten Bedingungen für Antifaschist:innen heute.
Die abstoßenden Umstände von Majas Auslieferung, das Verfahren in Budapest, aber auch die Ereignisse in den USA, wo die staatlichen Schergen von ICE ungesündt Menschen totschießen, die sich der immer autoritärer agierenden Regierung unter Trump entgegenstellen, machen uns mit aller Eindringlichkeit deutlich: die Bedingungen, unter denen wir als Antifaschist:innen uns gegen den alles verzehrenden Faschismus stellen, haben sich deutlich verschlechtert. Der Kampf gegen alte und neue Nazis war schon immer geprägt von staatlicher Repression, aber zugleich war diese gepaart mit einem gesellschaftlichen Verständnis, wenn nicht sogar Einverständnis. Nicht Wenige versammelten sich unter dem Label „Danke Antifa“, um diesem Ausdruck zu verleihen. Heute aber wird „die Antifa“ national und international verfolgt, und manche von uns werden zu international verfolgen Terroristen hochgepusht. Viele haben das schon kommen sehen. Dass aber einer der heftigsten Angriffe auf uns und unsere Strukturen aus dem Ausland, namentlich aus der Regierung Trump kommt, hat wohl kaum jemand so kommen sehen.
Die bürgerliche Gesellschaft scheint fragil wie lange nicht. In manchen von ihnen hat der Abbau demokratischer Verteidigungsinstanzen gegen den Faschismus bereits begonnen, und auch in Europa mehren sich die Versuche, Staat und Gesellschaft so umzubauen, dass sie auch in einer Zeit, die Bundeskanzler Merz unlängst in Davos und anschließend bei einem Treffen mit der Faschistin Meloni als „Zeitalter der Großmächte“ bezeichnete, noch wettbewerbsfähig, kampffähig, überlebensfähig bleiben – by any means neccesary.
Das Zeitalter der Großmächte – hinter diesem Titel verbirgt sich die Zuspitzung der kapitalistischen Konkurrenz hin zum offenen Kampf. Nicht der moralisch integerste, nicht der weltoffenste, der bürgerlichste Staat wird in diesem Kampf siegen, sondern der stärkste Staat. Das Ende der Verhandlung, das Ende der Diskussion, das Ende der Offenheit naht, das Zeitalter der großen Gewalt kommt, die Drohung des faschistischen Umschlagens aller Verhältnisse. Und mit ihnen kommt die tödliche Bedrohung für alle und jeden, und niemand, der mit offenen Augen in die Welt zu schauen wagt, bleibt hiervon unberührt. Es ist für uns als Antifaschist:innen nicht die Frage: „Wie verhindern wir diese Bedrohung?”, „Wie halten wir das auf?”, sondern vielmehr „Wie gehen wir damit um?“
Diese Frage, wie wir damit umgehen, ist vielleicht gar nicht richtig zu beantworten. Vielleicht müssen wir weitermachen, so gut wir können, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, und unsere Möglichkeiten immer im Verhältnis zum realen „Jetzt“ ausloten. Wenn aber die Frage nicht richtig zu beantworten ist, so ist sie ganz sicher falsch zu beantworten. Und diese falschen Antworten drängen uns die immer brutaler werdenden Verhältnisse auf. Eine dieser falschen Antworten ist, sich selbst zu versuchen mit den Mitteln der Macht auszustatten. Wir haben sie nicht, und selbst wenn wir sie haben könnten, würde uns mit ihnen das verloren gehen, wofür wir sie einsetzen wollten: die freie Welt, das freie Leben, das gute Leben.
Wir haben erst kürzlich in Connewitz gesehen, wie es aussieht, wenn der Blick für die Verhältnisse verloren geht. Weil im Großen nichts mehr zu erreichen ist, wird sich aufs Kleine verlegt. In dieser entwürdigenden Inszenierung des Kleinen als Großem geht der Blick für die Verhältnisse gänzlich verloren. Wir erreichen für uns nichts, aber was wir bekommen sind die Rohheit, der Stumpfsinn und die Aggressivität, die das Große überhaupt ausmachen. Der Grad, in welchem sich dieses Weltverhältnis bis in unsere Strukturen fortsetzt, verweist auf die Dimension, in welcher sich das Falsche, der Faschismus, bereits durchgesetzt hat.
Unser wichtigstes Mittel gegen die kommenden und schon um sich greifenden Gefahren sind und bleiben Empathie, Mitgefühl und Solidarität. Dies ist es, was wesentlich uns unterschiedlich macht zur faschistischen Tendenz. Diese waren und sind es, die Maja und alle anderen gefangenen Antifaschist:innen davor bewahrt haben, im Zugriff ihrer Häscher zu ersticken. Und diese sind es auch, warum wir heute alle hier und nicht woanders sind. Und daran wollen und müssen wir festhalten.
In diesem Sinne:
Viel Kraft unseren inhaftierten Genoss:innen!
Lang lebe die Antifaschistische Aktion!
Tod dem Faschismus!
Free Maja!
alea • antifaschistisch & autonom
Leipzig, Januar 2026
alea-le.org
