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  • Antifa-Wochen 2026

    Antifa-Wochen 2026

    Auch in diesem Jahr finden in Leipzig die Antifa-Wochen statt. Vom 16. Oktober bis zum 1. November gibt es täglich Veranstaltungen - Zeit zum Vernetzen, öffentliches Gedenken, Podiumsdiskussionen und abschließend natürlich auch eine Party. Neu in diesem Jahr: eine eigene Website für das Programm und alle aktuellen Infos unter antifa-wochen.org.

    Ein Jahr ist es her, dass wir zum ersten Mal die „Antifa-Wochen“ veranstalteten. Seither ist viel passiert, und eines brauchen wir wohl niemandem zu erzählen: Die Verhältnisse haben sich nicht zum Besseren gewendet. Wir ersparen uns eine Auflistung der destruktiven Entwicklungen und fokussieren uns auf eins: Die anhaltende Krise übt einen immensen Druck aus – auf die Gesellschaften weltweit, auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, auf jede:n Einzelne:n.

    Unter diesem Druck tun die Menschen aber gerade nicht das Naheliegende: sich zusammenzuschließen, um, selbst wenn sich an den großen Verhältnissen eh nichts ändern lässt, so doch zumindest auf der Ebene, die wir beeinflussen können, solidarisch zu sein. Im Gegenteil. Die Tendenz, sich gerade in krisenhaften Zeiten voneinander abzuwenden, setzt sich fort. Dabei wäre gerade der reflektierte Zusammenschluss der Menschen das, was die Basis für Veränderung bilden könnte: Veränderung gegenüber den Verhältnissen, die über uns allen walten. Stattdessen flüchten die Menschen. Die einen schließen die Augen und versuchen, so wenig wie möglich von dem mitzubekommen, was in der Welt passiert. Die anderen flüchten sich in Ideologien, die ihnen trotz aller realen Ohnmacht zumindest das Gefühl vermitteln, Handlungsmacht zu erwerben.

    Dabei zeigen diese Ideologien eine strukturelle Ähnlichkeit: Wenn die Verhältnisse größer sind als wir selbst, dann scheint die einzige Lösung darin zu liegen, sich einer Sache anzuschließen, die ebenfalls größer ist als wir selbst. Der Zusammenschluss unter diesem Vorzeichen steht unter der Voraussetzung seine Individualität zu opfern, die zwischen uns und einem solchen Dienst steht. Damit steht die Sache, der wir uns anschließen, nur noch vermittelt in unserem Dienst. Wesentlich stehen wir im Dienst dieser Sache.

    Dieses Sich-in-den-Dienst-einer-Sache-Stellen führt zwar zu kurz- und mittelfristigen Mobilisierungen und zu einem gesteigerten Gefühl von Handlungsfähigkeit. Zugleich haben Ideologien ein zentrales Problem: Sie sind nicht wahr. Wer auf ihrer Grundlage handelt, handelt nicht mehr im eigenen Sinn, sondern im falschen, und verwirklicht damit genau das, wogegen man sich eigentlich richten wollte: die falschen Verhältnisse, die das Leben von immer mehr Menschen bedrohen und die Bereiche relativer Sicherheit auf der Welt immer kleiner werden lassen.

    Der Mensch, der im Dienst der großen Sache steht, ist selbst schon Ausdruck einer Tendenz, die wesentlich für den Faschismus ist. Im Faschismus erlischt die Bedeutung des Individuums vollständig. Die Verhältnisse walten, als wäre menschliches Leben nichts weiter als ein zu verschleißender Brennstoff, der nötig ist, um gesellschaftliche Strukturen umzuwälzen. Dafür ist keine spezielle politische Orientierung nötig. Es reicht aus, bereit zu sein, den anderen totzuschlagen, wenn es sein muss, und sich am Ende auch selbst totschlagen zu lassen. Der Kampf gegen den Faschismus ist also neben aller nötigen konkreten Praxis auch immer der Kampf dagegen, dass der Mensch in sich und anderen nur noch das Ding sieht, zu dem die Verhältnisse ihn längst gemacht haben.

    Um nicht Opfer der Verhältnisse zu werden und um andere nicht zu opfern — als ließen sich die Verhältnisse dadurch irgendwie gnädig stimmen —, muss man sie begreifen. Viele glauben, diesen Teil schon erledigt zu haben: Man weiß schon alles, was man wissen muss, um gegen das Falsche ankämpfen zu können. Allzu oft zeigt sich aber, dass hier ein Irrtum vorliegt, sogar vorliegen muss. Denn die Welt und die Verhältnisse sind kein toter, sondern ein lebendiger Ort. Wer glaubt, Wissen sei unveränderlich, glaubt auch, dass die Welt es ist. Wissen muss sich der Bewegung in der Welt anpassen, ihr folgen, damit es lebendig bleibt. Und nur ein lebendiges Wissen hat das Potential in sich, tatsächlich eine Veränderung herbeizuführen, die etwas anderes ist als die große Destruktion, die sich derzeit überall ankündigt.

    Antifaschismus ist damit nicht nur der Kampf gegen konkrete Nazis und ihre Organisationsstrukturen. Er ist auch die anhaltende Anstrengung, uns in Gedanken gegenüber den sich verhüllenden und verbergenden Verhältnissen zu behaupten, zu schauen, dass man sich als Mensch begreift und verwirklicht, um den anderen überhaupt als einen erkennen zu können.

    Um hierzu einen Beitrag zu leisten, gehen wir mit den „Antifa-Wochen“ in die zweite Runde. Wie letztes Jahr bieten wir einen Strauß an Veranstaltungen, die wir genau wie letztes Jahr nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit mit alten und neuen Gruppen der Stadt sowie mit vielen Einzelpersonen auf die Beine stellen. Wir geben kein inhaltliches Thema vor. Jede Gruppe bringt sich so ein, wie sie es für richtig und wichtig hält und wie es die eigenen Ressourcen zulassen. Dabei halten wir an unserem autonomen Anspruch fest und organisieren uns weiterhin jenseits von Parteien, Gewerkschaften und anderen vergleichbaren Gruppierungen.

    Kommt vorbei, besucht die Veranstaltungen und Aktionen oder macht euch einen schönen Abend in guter Gesellschaft auf unserer Party und den Kneipenabenden. Wir sehen uns.

    antifa-wochen.org

  • Am Vorabend zur Landtagswahl auf nach Halle!

    Am Vorabend zur Landtagswahl auf nach Halle!

    Am Abend vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rufen unsere Genoss:innen in Halle unter dem Motto „Antifa bleiben!“ zu einer Vorabenddemo auf. Sie wollen der AfD und anderen rechten Akteuren zeigen, dass sie sich auch in schlechten Zeiten nicht unterkriegen lassen und bereit sind, selbst in sich verschärfenden Verhältnissen antifaschistisch zu bleiben. In ganz Sachsen-Anhalt wird diese Position zunehmend isoliert – lassen wir sie nicht alleine! Holt die Fahne vom Speicher, besprecht euch mit euren Genoss:inen und kommt für eine gemeinsame Anreise am 05.09.2026 um 15:50 Uhr zum Willy-Brand-Platz am Hbf in Leipzig.

    alea-le.org

  • Veranstaltungsreihe: „Künstliche Intelligenz“

    Veranstaltungsreihe: „Künstliche Intelligenz“

    • 14.07. Surplus ex machina. KI und die Krise des Akkumulationsregimes
    • 28.07. Marx und die Maschine
    • 11.08. Künstliche Intelligenz und Werttheorie
    • 25.08. Der ’technologische Schleier’. Anmerkungen zu einem Sprachbild bei Adorno

    Die Diskussion über das, was im Laufe der letzten Jahre als künstliche Intelligenz Realität geworden ist, nimmt ebenso viel Raum ein wie ihre Anwendung im Alltag stetig zunimmt. Auch wenn der Begriff schon seit einigen Jahrzehnten immer wieder Aufmerksamkeit erlangt, so kam diesem erst in den letzten Jahren eine Realität zu, wie der Mensch ihn heute zu erfassen beginnt. KI scheint somit nicht mehr bloß ein Zukunftsversprechen, eine Idee, sondern ist aus dem Reich der Vorstellungen zur Wirklichkeit geworden.

    Für die meisten Menschen stellen die Large Language Models (LLM) seit der Veröffentlichung von ChatGPT vor einigen Jahren den Beginn der viel beschworenen KI-Revolution dar. Aber der zunehmend alltägliche Chat mit der LLM-Software stellt nur die Spitze des Eisbergs dar. Was KI als soziotechnisches Phänomen gesamtgesellschaftlich zunehmend verdeutlicht: Vielleicht wird nichts mehr so bleiben, wie es ist. KI hat Einzug gehalten in nahezu alle Lebens- und Produktionsbereiche. Analog dazu ist das Thema mittlerweile auch in der Auseinandersetzung des Menschen mit Natur und Gesellschaft stets präsent.

    Dabei changieren die Einschätzungen, Urteile und Erwartungen zwischen Dystopie und Heilsversprechen, wobei in der Auseinandersetzung viel zu oft auf einer rein technischen und damit oberflächlichen Ebene verharrt wird. Jeden Tag können sich Konsument:innen im Strudel des allgemeinen Hypes über die neusten Softwares und damit die rasant anwachsenden technischen Möglichkeiten informieren. Immer begleitet von sowohl dem Gefühl der Steigerung eigener Möglichkeiten als auch dem kalten Schauer, dass hier etwas Bedeutsames und Übermenschliches im Gange ist. Letzteres bedient eine fatalistische Fetischisierung der Technik, welche die Auseinandersetzung mit dem, was Technik ist, schon im 20. Jahrhundert immer wieder geprägt hat und welche dazu tendiert, mehr zu verschleiern als aufzuklären, in welchem Verhältnis Mensch und Technik zu denken sind. Christian Voller wird unter anderem diesen Aspekt in seinem Vortrag diskutieren.

    Dem entgegen wird KI jedoch ebenso als geradezu messianischer Heilsbringer beschworen, der imstande sei, die ökonomischen Krisen unserer Zeit zu lösen. Was realistisch und damit sowohl technisch als auch gesellschaftlich von KI zu erwarten ist, rückt im Sound der Verheißung jedoch in den Hintergrund. In seinem Vortrag wird Manuel diesbezüglich Licht ins Dunkel bringen und Grundbegriffe klären, um sich darauf aufbauend den Fragen zu widmen, welcher ökonomische Mehrwert durch KI-Technologien erreicht werden kann, soll und welche gesellschaftlichen Verwerfungen dies mit sich bringt.

    KI ist allerdings nicht einfach über die Menschen gekommen und ist auch keine Sache, die außerhalb der Verhältnisse steht. Noch wird KI vom Menschen gemacht und eingesetzt. Dabei folgt sie den Tendenzen dieser Gesellschaft, in der alles danach beurteilt wird, ob und wie es sich verwerten lässt. Peter Schadt wird sich daran anknüpfend in seinem Vortrag der Frage zuwenden, wie sich die politische Ökonomie im digitalen Zeitalter verändert und wie sich dies anknüpfend an Marx werttheoretisch erfassen lässt.

    In unserem eigenen Vortrag möchten wir uns damit befassen, was bereits Marx zur Anwendung der Technik im Kapitalismus geschrieben hat. Wir wollen uns dabei auf das Kapitel „Maschinerie und große Industrie“ aus dem ersten Band des Kapitals beziehen und in die dort gemachten Überlegungen einführen. Marx gibt eine immer noch aktuelle Analyse davon, warum Maschine und Technik einerseits so viel Gutes vermögen, andererseits kapitalistisch angewendet den Menschen weiter unterjochen.

    Wir streben mit der Vortragsreihe eine Auseinandersetzung damit an, was KI unabhängig von Phantasie und Hype ist und was von ihr als Technik und Maschine unter den Voraussetzungen unserer Gesellschaft und Zeit zu erwarten ist. Sicher ist, dass nichts einfach so bleibt, wie es ist, und wir alle ebenso wenig einfach schon wissen können, was uns bevorsteht.


    Surplus ex machina. KI und die Krise des Akkumulationsregimes

    Referent: Manuel

    Ankündigungstext

    Ökonomische Polykrisen erschüttern in immer kürzeren Abständen die globale Ökonomie. Der Zusammenbruch von Ökosystemen und die Klimakrise werden inzwischen nahezu als unvermeidbare Konstante akzeptiert und fungieren als Grundrauschen dieser Polykrise. Dieses Grundrauschen wird durch geopolitische Konflikte, Kriege, Protektionismus und Unsicherheiten bei globalen Lieferketten ergänzt und hat erhebliche Auswirkungen auf ökonomische Entwicklungen und Akteur*innen. Die Kosten für die Bereitstellung von Produkten steigen, während die Nachfrage teilweise sinkt. Diese Entwicklung trifft bisher vor allem klassische Industriebetriebe, werden von dort aber wie Schockwellen weitergegeben.

    Diese Entwicklungen bleiben auch für politische Systeme in Europa nicht folgenlos. Spätestens seit der Covid-Pandemie sind die politischen Funktionseliten dazu übergegangen Krisen dauerhaft zu verwalten anstatt gesellschaftliche Transformation zu gestalten. Dabei werden drei Mantras beschworen: Bürokratieabbau, Innovationsfähigkeit und Technologieoffenheit.

    Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (kurz: AI/KI) gilt als Heilsbringer. Dabei wird der Begriff zusehends zu einer Projektionsfläche. Riesige Erwartungen und mindestens genauso viel Geld werden in die Bereitstellung von neuen Modellen und die dafür notwendigen Ressourcen gesteckt. Dass der Einsatz von KI gesellschaftliche Strukturen maßgeblich verändern wird, scheint unbestritten. Darüber scheinen sich die Mächte des alten Europas, der Papst, vermutlich einige französische Radikale und sicherlich deutsche Polizist*innen einig zu sein.

    Der Vortrag führt zunächst zentrale Grundbegriffe aus den Bereichen Datenwertschöpfung, Analytics und KI ein und vermittelt ein grundlegendes Verständnis der Funktionsweise und Anwendungsfelder von KI-Systemen. Anschließend sollen anhand einiger Fallbeispiele die Kapitalströme rund um KI-Unternehmen und die zugrundeliegenden Erwartungen analysiert werden, um die Frage zu klären, welcher ökonomische Mehrwert durch KI-Technologien erreicht werden soll. Abschließend soll diskutiert werden, welche gesellschaftlichen Verwerfungen sich rund um das Themenfeld KI auftun und welche Kämpfe es zu führen gilt.

    Zum Referenten: Manuel hat Volkswirtschaftslehre, Informatik und Sozialwissenschaften studiert und lebt in Nürnberg. Er arbeitet als Softwarearchitekt und Projektleiter bei einer IT-Beratung und entwickelt dort Dateninfrastrukturen und -plattformen.
    Er beschäftigt sich mit der Frage, welche Ansätze und Technologien aus der Informatik für sozial-ökologische Transformation und postkapitalistisches Wirtschaften geeignet sind.


    Marx und die Maschine. Eine Einführung

    Referent: alea

    Ankündigungstext

    Dass künstliche Intelligenz jeden Lebensbereich verändern wird, ist im gegenwärtigen Diskurs eine abgemachte Sache. Im Besonderen soll das auch für die Sphäre der Arbeit gelten. Antizipiert wird eine Welt, in der der Mensch für die Produktion (fast) vollkommen entbehrlich ist. Es sind die Fähigkeiten dieser besonderen Technik selbst, die dieses Versprechen einlösen sollen. Was dabei nicht betrachtet wird, ist wie sich unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion eine neue Technik als allgemeine Produktionsweise durchsetzt.

    Was heute der künstlichen Intelligenz an Potenzial zugeschrieben wird, ist in der Vergangheit schon anderen technischen Entwicklungen zugeschrieben worden: der Digitalisierung, davor der Automation und schließlich auch schon der Maschine. Marx hat in seinem Werk die auch heute noch grundlegende Analyse der kapitalistischen Produktion geliefert. In ihr betrachtet er auch die in seiner Zeit fortgeschrittenste Technik: die Maschine. Im Vortrag wollen wir nachvollziehen, wie Marx die Durchsetzung der maschinenmäßigen Produktion, jenseits einer rein technischen Beschreibung, historisch und politökonomisch analysiert hat. Dafür wollen wir uns das Kapitel “Maschinerie und große Industrie” aus dem ersten Band des Kapitals anschauen und in die dort gemachten Überlegungen einführen. Wir wollen damit auch einen Einstieg für alle ermöglichen, die sich nicht ohnehin schon in den Kategorien von Marx Kritik der politischen Ökonomie auskennen. Wir möchten mit euch überlegen und diskutieren, welche Aspekte auf KI angewendet werden können, was unbeantwortet bleibt und welche Anforderungen an eine kritische Analyse der KI zu stellen wären.


    Künstliche Intelligenz und Werttheorie

    Referent: Peter Schadt

    Ankündigungstext

    Je nachdem, wen man fragt, gilt KI entweder als technisches Versprechen auf Fortschritt, Effizienz und Entlastung oder als Bedrohung, die Arbeitsplätze vernichtet, die Wahrheit abschafft und die Menschheit gleich mit auslöscht. Zugleich heißt es oft, KI könne „eigentlich nichts“: Sie produziere Fehler, verstehe nicht, was sie tut, und bleibe dem Menschen mangels „natürlicher“ Intelligenz und Kreativität grundsätzlich unterlegen.

    Die künstliche Intelligenz erscheint in der Diskussion um sie als technische Macht, die plötzlich über die Gesellschaft gekommen ist, nun ihr Unwesen treibt und deshalb richtig reguliert, demokratisch kontrolliert und moralisch verantwortungsvoll eingesetzt werden muss.

    Doch KI ist keine Sache außerhalb der Verhältnisse. Sie wird entwickelt, finanziert und angewendet in dieser Gesellschaft, in der alles danach beurteilt wird, ob es sich verwerten lässt. Die digitalen Kapitalisten gießen dabei alten Wein aus neuen Schläuchen: Sie sprechen von Vernetzung, Innovation und Teilhabe, wo es um Märkte, Zugriff und Kontrolle geht. Sie versprechen Entlastung und produzieren neue Formen der Abhängigkeit. Sie behandeln Wissen als frei verfügbar und machen es zugleich zur Ware.

    Vor diesem Hintergrund geht Peter Schadt in seinem Vortrag der Frage nach, wie sich die politische Ökonomie im digitalen Zeitalter verändert. Anknüpfend an Marx entwickelt er eine Perspektive auf Wert im 21. Jahrhundert, die nicht vorschnell Daten zur neuen „Rohstoffquelle“ erklärt oder digitale Arbeit als Bruch mit bisherigen Analysen versteht. Stattdessen untersucht er, wie Wissen, Daten und Information zur Ware werden, obwohl sie sich nahezu kostenlos vervielfältigen lassen, gesellschaftlich hervorgebracht werden und dennoch privat angeeignet werden.

    Der Vortrag fragt daher nicht, ob KI gut oder schlecht ist. Er fragt, was sie unter bestehenden Bedingungen ist und welche gesellschaftlichen Verhältnisse sich in ihr ausdrücken.


    Der ’technologische Schleier’. Anmerkungen zu einem Sprachbild bei Adorno

    Referent: Christian Voller

    Ankündigungstext

    Christian Voller befasst sich, in seinem Vortrag, mit dem Begriff des technologischen Schleiers bei Adorno. In seiner Vorlesung zur Einführung in die Soziologie formulierte Adorno folgendes:

    „Der Schein wäre auf die Formel zu bringen, daß alles gesellschaftlich Daseiende heute so vollständig in sich vermittelt ist, daß eben das Moment der Vermittlung durch seine Totalität verstellt wird. Kein Standort außerhalb des Getriebes läßt sich mehr beziehen, von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre; nur an seiner eigenen Unstimmigkeit ist der Hebel anzusetzen. Das meinten Horkheimer und ich vor Jahrzehnten mit dem Begriff des technologischen Schleiers. Die falsche Identität zwischen der Einrichtung der Welt und ihren Bewohnern durch die totale Expansion der Technik läuft auf die Bestätigung der Produktionsverhältnisse hinaus, nach deren Nutznießern man mittlerweile fast ebenso vergeblich forscht, wie die Proletarier unsichtbar geworden sind.“

    (Theodor W. Adorno, 1968)


  • Benefizabend für die G16

    Benefizabend für die G16

    Die G16 braucht unseren SUPPORT!

    Der Index-Tresen und alea laden ein, zum Benefizabend für die G16:

    Die G16 arbeitet gerade an ihrem Dach – und das ist fucking teuer.
    Uns ist klar, wie wichtig ein Dach ist oder alternative Freiräume sind. Aus diesem Grund sammeln wir gemeinsam bei einem Kneipenabend Soligeld für die G16. Also: Bringt eure Sparschweine mit und stoßt mit uns zusammen auf einen wichtigen Freiraum im Leipziger Westen an.

    Nähere Infos zur G16 findet ihr unter: https://gieszer16.net/

    Die G16 braucht unseren SUPPORT!

  • Redebeitrag auf der Kundgebung in Gedenken an Klaus R.

    Redebeitrag auf der Kundgebung in Gedenken an Klaus R.

    Am 28. Mai 2026 fand vor der translib in Leipzig auf der Lützner Straße eine Kundgebung in Gedenken an Klaus R. statt. Die translib rief dazu auf, sich:

    seinen Todestag, der sich am 28. Mai 2026 zum 32. Mal jährt, zum Anlass [zu]nehmen, um Klaus R. zu gedenken. In Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis Antirassimus haben wir dafür eine Gedenkplakette an das von uns genutzte Haus in der Lützner Straße 30, Leipzig – Lindenau angebracht, die seine Geschichte sichtbar macht und in Erinnerung hält. Es werden kurze Reden halten. Wir freuen uns, wenn ihr Blumen und Kerzen mitbringt.

    Im folgenden dokumentieren wir unseren Redebeitrag, den wir auf der Kundgebung gehalten haben:

    Gegen das Vergessen: In Gedenken an Klaus R.             

    Vor 32 Jahren, in der Nacht auf den 28. Mai 1994, wurde Klaus R. in seiner Wohnung irgendwo auf der Lützner Straße von seinen Nachbarn ermordet. Klaus R. war allein, als er seinen Tätern zum Opfer fiel, und dieser Umstand war wesentlich für die Täter und ihre Fähigkeit zur Grausamkeit. Ihre Gewissenlosigkeit war dabei nicht einfach ein individuelles Defizit, sondern Ausdruck einer kollektiven Dynamik, durch welche sich die Täter befähigten, Klaus R. zu misshandeln und schlussendlich zu ermorden.            

    Klaus R. und seine Mörder kannten sich. Die Nazis hielten im selben Haus, in dem auch Klaus R. lebte, eine Wohnung besetzt und bezogen zeitweise sogar Strom von ihm. Nachdem sie Klaus R. tagelang erniedrigt hatten, weigerte er sich, die Demütigung weiter über sich ergehen zu lassen. Die durch die vergangenen Quälereien bereits enthemmten Täter aber duldeten keinen Widerspruch. Sie beendeten das Leben von Klaus R. und damit das, was sie mit ihren entmenschlichenden Angriffen begonnen hatten.            

    Im Gerichtsprozess attestierte der leitende Oberstaatsanwalt den Mördern eine feindselige, sadistische Haltung, und damit sowohl eine Lust am Schmerz, den sie Klaus R. zufügten, als auch eine entlastende Befriedigung an seinem Leiden. Sie machten Klaus R. zum Opfer, um nicht selbst eins zu sein. Die Härte, zu der sie anderen gegenüber fähig waren, waren sie ebenso bereit, gegen sich selbst zu richten, denn dass der Mord zugleich das Opfern ihrer eigenen Freiheit bedeuten würde, wird ihnen bekannt gewesen sein. Aber sie waren bereit, diesen Preis zu bezahlen, um im Gewaltexzess Handlungsmacht und Bedeutung gewinnen zu können.            

    Ihre Tat ereignete sich nicht im luftleeren Raum. Die Mörder rotteten sich in einer Zeit zusammen, in der die Autorität der ehemaligen DDR zusammengebrochen war. Die gesellschaftlichen Institutionen, die zuvor für Recht und Ordnung gesorgt hatten, waren verschwunden; die Stasizentrale war gestürmt worden, Akten verbrannt; die frühere Autorität hatte ihre Bedeutung verloren.            

    Dies führte zu einer für die Nachwendezeit in Ostdeutschland spezifischen Enthemmung, die eine Zeit hervorbrachte, in der faschistische Morde dabei waren, zur Normalitätzu werden. Allein in den ersten vier Nachwendejahren wurden in Deutschland mindestens 90 Menschen durch Faschisten ermordet. Auch in Leipzig war Klaus R. bereits das zweite Mordopfer faschistischer Gewalt, nachdem am 01. Juli 1991 bereits Gerhard S. von zwei Neonazis aus einer Straßenbahn gestoßen worden war und an den Folgen starb. Weitere Opfer folgten.            

    Das Wenige, was über Klaus R. bekannt ist, stammt aus Zeitungsartikeln: Sein kurzes Leben im wiedervereinigten Deutschland war von Armut und Alkoholabhängigkeit geprägt. Er lebte in Leipzig-Lindenau, und damit in einem Viertel, das damals von Ruinen und Verfall gezeichnet war. Im ehemals bedeutendsten Industriegebiet Leipzigs wurde schon vor 1989 kaum mehr investiert. Die Wohnquartiere verfielen und viele Menschen verließen den Stadtteil. Der stinkende und sich selbst überlassende Kanal in Plagwitz unterstrich die Verwahrlosung.            

    Es handelte sich um eine Zeit, in der polizei- und rechtsfreie Räume im Leipziger Westen entstanden waren. Ausgebrannte Trabis auf der Straße waren Sinnbild des Zusammenbruchs und zugleich der konkrete Beweis dafür, dass staatliche Autoritäten hier keine Rolle spielten. Denn: Die neuen Institutionen waren noch nicht etabliert. Sie eigneten sich noch nicht als Garant zur Durchsetzung gesellschaftlicher Ordnung. Dass die Naziskins in Lindenau eine Wohnung besetzen konnten, mussten sie auch als Beweis dafür sehen, dass sie machen konnten, was sie wollten.       

    So wenig ist heute über die Tat bekannt, dass nicht einmal klar ist, in welchem Haus auf der langen Lützner Straße Klaus R. lebte. Sicher aber ist, dass seine Mörder es Klaus R. nicht vergönnten, überhaupt ein Leben zu führen. Sie gönnten es ihm nicht, sein Leben zu genießen, gönnten ihm nicht seine Individualität, gönnten ihm kein Leben ohne Angst vor Willkür und Gewalt, billigten ihm keine Würde zu, kurz: Sie gönnten ihm nicht das, was – wenn auch als leeres Versprechen – als humanistischer Individualismus über die ehemalige innerdeutsche Grenze kam.            

    Dass Klaus R. allein war, als er sterben musste, war kein Zufall. Aber es war auch nicht das planvoll-rationale Vorgehen der Nazis, um einer späteren Strafverfolgung zu entgehen. Vielmehr drückt sich in seinem Alleinsein – im Leben wie im Sterben – eine gesellschaftliche Isolation aus, welche die Täter glaubten, im Mord an ihrem Opfer beseitigen zu können. Indem sich die Faschisten zusammenschlossen, im zum Mord bereiten Bund, beendeten sie ihre eigene Einsamkeit und wandelten damit ihr Verlorensein in gemeinsame Stärke. Sie entflohen ihrer Ohnmacht durch ihre gemeinsam aufgerichtete Handlungsfähigkeit, genau in dem Moment, in welchem sie sich in ihrer kollektiven Enthemmung vergaßen.

    Diese Art sich zu vergessen war und ist nie nur auf einen einzelnen Mord beschränkt. Es schlummert als Potenzial in einer Gesellschaft, die den Einzelnen isoliert und ihn auf seinen Nutzen reduziert. Das Nutzlose ist das, was schon immer einen Strick um den Hals liegen hat, und es ist das Nutzlose, an dem sich die kollektive Gewalt derer entlädt, die ihre eigene Nutzlosigkeit und ihren eigenen Untergang fürchten. Für sich genommen, ohne den Schutz und die Stärke ihrer kläglichen Zusammenrottung, hätte jeder der Mörder selber Klaus R. werden können: ein armer und hilfloser Mann, der der Willkür anderer ausgesetzt ist.            

    So sinnlos der Mord an Klaus R. war, so wenig lässt sich aus seinem Tod eine logische Konsequenz ziehen. Es besteht keine gesellschaftliche Notwendigkeit, die daraus erwächst. Keine Anleitung für eine antifaschistische Praxis. Vielmehr sind es die täglichen Entscheidungen und die Fähigkeit, sich zu dem, was in der Welt passiert, in ein lebendiges Verhältnis zu setzen. Antifaschismus ist weder Etikett noch eine Lebenseinstellung. Antifaschismus ist ein praktischer Ausdruck des Kampfes um das Leben selbst.            

  • Kurzbericht zum Gedenken an Bernd Grigol

    Kurzbericht zum Gedenken an Bernd Grigol

    Am 8.5.2026 gedachten Antifaschist:innen der Ermordung Bernd Grigols vor dreißig Jahren. Er wurde von drei Neonazis auf brutalste Art umgebracht. Das Gedenken fand auf dem Pater-Aurelius-Platz in Leipzig–Wahren statt. Nach dem Verlesen eines Redebeitrages wurden in der nähreren Umgebung Plakate, die über die Tat informieren, angebracht. Anschließend wurden in der Gottlaßstraße, wo von Antifaschist:innen vor ein paar Jahren eine Gedenkplakette angebracht worden war, Blumen niedergelegt und die Plakette von einem Tag gereinigt.

    Wir dokumentieren hier den Redebeitrag:

    30 Jahre ist es her, dass hier in Wahren der 43-jährige Bernd Grigol von drei Neonazis ermordet wurde. Bernd Grigol betrieb zusammen mit seinem Freund einen Laden in Leipzig. Aus seiner Homosexualität machte er hier im Stadtteil kein großes Geheimnis. Und auch seinen Mördern war dieser Umstand wohlbekannt. In der Nacht vom 07. auf den 08. Mai beleidigen die drei Nazis ihn mit den Worten „Hau ab, du schwule Ratte!“, ehe sie ihn schwerst misshandelten, ihm die Augen ausstachen und schließlich töteten. Mindestens 36 Mal stachen sie mit einem Messer auf ihr Opfer ein, warfen Bernd Grigol dann in den Autokofferraum eines vierten Täters, um den reglosen Körper anschließend in einem nahegelegenen See in Ammelshain zu schmeißen. Das Gericht erkennt zwar den Mord aus „Lust und Laune an körperlicher Misshandlung“ an und verurteilte die Täter entsprechend, ein Todesopfer rechter Gewalt wollte das Gericht aber nicht erkennen – entgegen aller doch eindeutiger Hinweise aus der vorherigen Hausdurchsuchung und unzweifelhaften politischen Orientierung der Täter.

    Nach 30 Jahren könnte manch einer jetzt vielleicht meinen, dass der Tod von Bernd Grigol und dessen Umstände zwar schrecklich gewesen waren, man ja nun aber auch durchaus mal Ruhe geben könnte mit dem ganzen Gedenken. Die Zeiten – und mit ihr die Gesellschaft – haben sich schließlich geändert.

    Aber was machen wir dann trotzdem hier? Gedenken bedeutet für uns zweierlei: einerseits nicht zu vergessen, wozu Menschen leichterdings fähig sein können. Da reicht aus Sicht der Täter das falsche Aussehen, die falsche Herkunft oder im Fall von Bernd Grigol die falsche, gelebte Sexualität, um einen Menschen zu ermorden.

    Sicherlich hat sich der Stadtteil hier mittlerweile verändert: Wenn Wahren Mitte der 1990er Jahre noch ein Schwerpunkt schwulenfeindlicher Übergriffe in Leipzig war, wie der damalige sogenannte Schwulenbeauftragte der Stadt Leipzig, Thomas Krakow, dem Stadtteil attestierte, so ist diese unrühmliche Poleposition so heute nicht mehr gegeben. Dennoch stellen wir fest: Sie nimmt aktuell wieder zu, die Anhängerschaft derer, die denken, dass Abweichungen von der Heterosexualität ein Angriff auf die deutsche Gesellschaft als Ganzes darstellen und entsprechend bekämpft gehören. Das BKA weist in einem Lagebericht aus dem Jahr 2025 darauf hin, dass sich die Straftaten in den Bereichen „Sexuelle Orientierung“ und „Geschlechtsbezogene Diversität“ seit 2010 in Deutschland nahezu verzehnfacht haben. Laut der Amadeu Antonio Stiftung kam es 2025 bei fast jeder zweiten CSD-Veranstaltung zu Störungen oder Übergriffen – mit 111 Fällen ein Rekordhoch. Von rechten Gegendemonstrationen über Körperverletzung bis hin zu Hetze und Sachbeschädigungen war alles vertreten. Und auch die AfD machte erst vor kurzem in ihrem Wahlprogramm für die diesjährige Landtagswahl in Sachsen-Anhalt deutlich, was aus ihrer Sicht das Problem ist. Sie bemängelt, dass „sexuelle Abweichungen und nicht-reproduktive Lebensweisen mittlerweile mehr Akzeptanz genießen und offensiver beworben werden als die normale Familie aus Mann und Frau“. Das soll sich ändern. Sie sprechen sich „daher klar gegen die staatliche Bewerbung und Förderung alternativer Lebensentwürfe aus. […] Die Sonderstellung der Familie aus Vater, Mutter und Kindern ist daher beizubehalten und als gesellschaftspolitisches Ziel zu formulieren, um die Zukunft und den Fortbestand unseres Volkes zu garantieren.“ Ferner „werden die verschiedensten Ausprägungen nicht-normaler Geschlechtsidentitäten oder abseitiger sexueller Vorlieben geradezu beworben und bei Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter ins Bewusstsein gerückt. Das ist übergriffig und geht zu weit!“

    Was mit Personen passieren soll, die ihre „nicht-normalen Geschlechtsidentitäten und abseitigen sexuellen Vorlieben“ nicht im stillen Kämmerlein belassen, lässt die AfD offen. Die Mörder von Bernd Grigol taten es nicht. Er war ihnen so wenig wert, dass sie ihn vor 30 Jahren ermordeten und in einen See warfen. Und das ist der zweite Grund, warum wir auch dieses Jahr wieder hier sind. Es ist der anhaltende Kampf, den Ermordeten den Wert ihres Lebens zurückzugeben. Dagegen zu kämpfen, dass sie zu dem werden, was die Nazis aus ihnen machen wollten: ein Nichts, eine Bedeutungslosigkeit. Die Mörder von Bernd Grigol wollten, dass er verschwand, als hätte es ihn nie gegeben. Deswegen ist unser heutiges Gedenken auch ein Kampf darum, dass die Mörder nicht gewinnen.

    Auch nach 30 Jahren: In Gedenken an Bernd Grigol!

  • Über Ideologie und Kritik

    Über Ideologie und Kritik

    In letzter Zeit wurde immer mal wieder an uns herangetragen, wir seien arrogant. Wir würden über Kritiken an uns drüberbügeln, wir würden pikiert reagieren, uns an spitzen Formulierungen aufhängen, würden austeilen, aber nicht einstecken können und so weiter. Zudem: Wir würden so hart auf Kritik reagieren, dass man sich schon gar nicht mehr trauen würde, uns zu kritisieren, weil man nicht öffentlich vorgeführt werden wolle. Und das wäre ja eine wirklich ganz schlechte Sache. Denn wenn wir auf der einen Seite unseren Wunsch formulieren, dass es mehr Debatte um relevante Themen geben sollte, auf der anderen Seite aber diejenigen überfahren, die dann eine Debatte mit uns anfangen wollen, dann wäre unser Wunsch nach Debatte nur eine selbstgefällige Selbstinszenierung, und es wäre dann nur konsequent, wenn Leute sagen würden: Alea, pfff, mit diesem Haufen wollen wir nichts mehr zu tun haben.

    Es ist nicht unser Anliegen, uns von charakterlichen Mängeln, wie ja Arroganz einer ist, freizusprechen. Und in unserer Gruppe trifft er uns auch unterschiedlich – manchen geht so etwas sehr nahe, anderen ist es (in den Augen der Kritiker:innen wohl nur eine Bestätigung des Vorwurfs) gleichgültig. Wir wollen uns aber von dem Vorwurf deswegen nicht versuchen, freizusprechen, ganz einfach, weil wir keine Kontrolle darüber haben und auch nicht haben wollen, was andere über uns denken. Arroganz ist ja noch recht harmlos, man kann ja sicher noch Mieseres und wirklich Unfaires über uns denken – nur wieso sollten wir das verhindern wollen? Es ist nämlich tatsächlich nicht so, dass wir das, was wir machen, deswegen tun, weil wir etwas Besonderes sein wollen, Anerkennung wollen, besser sein wollen als andere oder dergleichen. Was wir machen: Wir teilen unsere Gedanken über die Welt, wir kritisieren festgebackene Positionen, da, wo sie der sich verändernden Wirklichkeit nicht mehr adäquat zu sein scheinen (und es möglicherweise auch nicht sind), wir kritisieren das, von dem wir denken, dass es die Unwahrheit ist. Und das machen wir nicht, weil wir damit mobilisieren wollen, Mehrheiten versammeln wollen, andere ausstechen wollen und so weiter. Wir machen das, weil an etwas Falschem festzuhalten oder dieses Falsche zu verbreiten, weil es praktikabel ist, weil es mobilisierungsfähig ist, weil es handlungsfähig macht, Ideologie ist. Und Ideologie ist das falsche Verhältnis zur Wirklichkeit. In ihrer verwirklichten Form bringt sie wesentlich eines mit sich: den Tod.

    Bis hierhin würden uns vermutlich viele zustimmen, bis hierhin und nicht weiter, denn dann geht es ja schon ans Eingemachte: Wir nehmen uns raus, Positionen zu kritisieren, die sich gerade selbst bereits als kritisch, manchmal sogar als ideologiekritisch verstehen. Und dabei sind wir nicht einmal zurückhaltend, wir sagen frei heraus, worin wir den Mangel sehen, selbst wenn es etwas ist, was sich inhaltlich in unserem Nahbereich abspielt, selbst wenn es etwas ist, was wir vielleicht in großer Einigkeit zuvor noch mit jemandem gemeinsam vertreten haben. Es gibt gute Gründe, dies nicht zu tun und sich stattdessen daran zu beteiligen, dass es untereinander nicht so zugeht, in schlechten Zeiten die Reihen zu schließen und dergleichen, und wir verstehen den Vorbehalt gegen uns, wenn wir da nicht mitmachen. Aber: Wenn wir mitmachen würden, wenn wir unseren inneren Widerspruch stillstellen würden, nicht veräußern würden, ihm eine Form geben würden, die so gefällig ist, dass der Inhalt in der Gefälligkeit ersäuft, dann würde es ja doch nichts daran ändern, was wir denken. Wir wären zwar dabei und wären es doch zugleich nicht, und das zu wollen und zu wünschen, wäre das Ende von Theorie und Kritik, und daran haben wir als Gruppe, die nun mal auch theoretisch arbeitet, kein Interesse. Wenn jemand demgegenüber sagt: „Alles gut und schön, aber ich brauche mein festes Wissen, ich brauche meine Mobilisierungsfähigkeit, ich brauche meine Handlungsfähigkeit“, dann ist das so. Wir raten dann auch davon ab, sich weiter mit uns zu befassen, denn festes Wissen, Mobilisierungsfähigkeit, Handlungsfähigkeit sind für uns kein Kriterium, an welchem wir ausrichten, was wir denken, sagen, machen.

    Grau ist alle Theorie, heißt es, aber das ist sie vor allem da, wo sie verhüllt ist, wo sie unklar bleibt, wo sie sich verbirgt, wo sie esoterische Schwellen errichtet und alles im Vagen lässt, so dass nur Eingeweihte zustimmen können und dürfen. Wir begegnen dem auch heute überall, immer da, wo sich gegen andere abgedichtet wird durch einen spezifischen Begriffsapparat, der absichtsvoll dunkel bleibt oder ständig modifiziert wird und so ein „In and Out“ geschaffen wird, dass die, die gern dabei sein wollen, aber es nicht sein sollen, immer etwas zu tun haben, um dann doch irgendwie dazuzugehören. Wir wollen so etwas nicht. Und deswegen wollen wir die Gelegenheit, die sich aus dem Vorwurf an uns, wir seien eine arrogante Bande, ergab, nutzen, um einmal kurz und bündig darzulegen, was es denn eigentlich damit auf sich hat, wenn wir von Ideologie und Kritik sprechen, und wir glauben und hoffen, dass da für manchen etwas dabei ist. Und falls jetzt jemand direkt schon Schnappatmung bekommt und sich denkt: Ideologie, Kritik, Theorie, damit kenne ich mich doch am besten aus, da wollen sie ausgerechnet mich belehren, obwohl ich doch schon Bescheid weiß, damit bestätigen sie ja schon wieder, wie arrogant sie sind: Chill, Dude:tte. Just chill.

    1. Ideologie

    Fangen wir mal mit dem großen Kracher an: Ideologie. Dieser Begriff, so negativ er heute klingen mag, hatte in seinem Ursprung eine ganz positive Verwendung, und zwar geprägt durch den Philosophen Antoine Louis Claude Destutt de Tracy. Antoine Destutt de Tracysaß während der französischen Schreckensherrschaft in Haft; dort entwickelte er eine Theorie der „Wissenschaft der Ideen“, die auf zwei Aspekten basierte: den Empfindungen der Menschen im Kontakt mit der materiellen Welt und den Ideen, die aus diesen Empfindungen resultieren. Das war natürlich nicht alles: Als liberaler Bourgeois vertrat er die Prinzipien individueller Freiheit, Rationalität und Gleichheit. Das brachte ihn gegenüber der auf die Schreckensherrschaft folgenden autoritären Zeit unter Napoleon Bonaparte in Konflikt mit Napoleons Herrschaft, die de Tracy und seine Anhänger scharf attackierte und sie als „Ideologen“ bezeichnete. Das brachte die negative Konnotation des Begriffs mit sich, wie er sich in der Folge durch Marx angeeignet wurde. Marx kritisierte de Tracys bürgerlichen Materialismus, weil de Tracy über die bürgerliche Perspektive nicht hinauskam. All das ist zwar furchtbar interessant, aber wichtig für uns jetzt ist vor allem: Wenn wir heute den Begriff 

    „Ideologie“ verwenden, dann verwenden wir ihn auf der einen Seite in seiner ursprünglichen Form, nämlich dass Ideologie eine Vorstellung über die Sinneseindrücke ist, also eine Interpretation der Wirklichkeit, und dann aber wesentlich im weiterentwickelten Sinne, wie Marx es verstand – als falsche Vorstellung über die Welt. Und falsch nur und wesentlich in einer Hinsicht, nämlich dass das, was sich da zusammengedacht wird über die Welt, mit der Welt nicht übereinstimmt, sprich in einem Widerspruch zu der Welt steht.

    Der Begriff bezeichnet aber heute noch etwas mehr. Denn in der bürgerlichen Zeit, aus der ja auch Marx als Denker hervorgegangen ist, da hielt es das Bürgertum mit der Vernunft: Was man über die Wirklichkeit dachte, das musste einer vernünftigen Prüfung standhalten. Und wenn jemand zeigen konnte, dass ein bestimmter Gedanke nicht vernünftig zu halten ist, dann war der bisherige Gedanke zu verwerfen oder musste durch Arbeit so erweitert werden, dass die Kritik nicht mehr zutraf. Es zeigte sich aber recht bald: So war es dann nicht. Es gab Überzeugungen, die so fest waren, die sich gegen Widerspruch oder Kritik so abdichteten, dass an ihnen festgehalten wurde, obwohl die Vernunft im Grunde dazu zwang, diese Überzeugung aufzugeben. Und damit sah sich damals eben auch wieder Marx konfrontiert. Seine Erkenntnisse wurden abgelehnt. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie einen Teil des Denkens angriffen, der so fest mit den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden war, dass die Zustimmung zur Erkenntnis aus vernunftsfremden Gründen abgelehnt wurde. Und auch dieser Aspekt ist heute ganz wesentlich in den Ideologiebegriff eingezogen: Dass eine Ideologie, also eine Annahme über die Wirklichkeit, falsch ist und an ihr festgehalten wird, obwohl der Widerspruch dazu in der Welt ist und es keinen vernünftigen Grund gibt, ihm zu widersprechen. Und jemand, der dann an seinem eigenen Denken festhält, obwohl es keinen vernünftigen Grund mehr gibt, der verlegt sich dann zur Verteidigung des falschen Denkens, der Ideologie, auf vernunftsfremde Argumente. Solche Argumente sind auch aus heutigen Diskussionen vermutlich vielen bekannt: Berufen auf Autoritäten (Personen, Schriften, Theorien), auf Traditionen, Verweis auf charakterliche Mängel derjenigen, die den Widerspruch äußern, auf praktische Unbrauchbarkeit, auf Gefühle und so weiter. Ideologie ist also ein gegen Kritik abgedichtetes falsches Denken über das, was in der Welt vor sich geht.

    Wir haben hiermit einen historisch interessanten Punkt erreicht: nämlich den, wo das Bürgertum, um sich selbst zu erhalten, sich gegen eine bürgerliche Theorie wandte (nämlich die von Marx formulierte Kritik aus dem Kapital) und sich damit gegen das ideelle Wesen des Bürgertums selbst wandte: die Vernunft. Denn eine wirklich grundlegende Widerlegung von Marx‘ Kapital-Analyse gibt es bis heute nicht, dafür ist die Ablehnung seiner Theorie selbst zum Wesen der bürgerlichen Ideologie geworden. Und wir wissen ja auch, welche gedankliche Konsequenz sich daraus ableitete: Mit dem Bürgertum geht es nicht, es geht nur gegen das Bürgertum. Was wir brauchen, ist eine Revolution.

    Ganz nebenbei haben wir jetzt aus der Ideologie die „bürgerliche Ideologie“ gemacht. Wir belassen es mal kurz dabei, denn eine ganze Weile war dies die wesentliche Ideologie gegenüber der marxschen Kritik. Es war diese Vorstellung über die Welt, die sich in ganz Europa und den USA verbreitete und auch in vielen anderen Ländern und Regionen zumindest auf Interesse und Anklang stieß. Wesentlich bedeutete dies (einmal ganz schlagwortartig): individuelle Freiheit, Chancengleichheit, wirtschaftliche Effizienz, Rechtsstaatlichkeit, Gemeinwohl, Zivilgesellschaft. Das war es, was das Bürgertum über sich dachte, obwohl Marx eindeutig hatte zeigen können, dass das so nicht funktionierte und perspektivisch gegen die Wand fahren musste. Aber trotzdem hielt sich diese bürgerliche Ideologie ziemlich fest im Sattel. Sie wird auch als „große Erzählung“ zusammengefasst und bis heute gibt es Menschen, die daran festhalten, obwohl ja ein erneutes An-die-Wand-Fahren kaum mehr abwendbar erscheint.

    Wieso denn eigentlich ein erneutes An-die-Wand-fahren? Weil sowohl der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg und die Shoah zeigten: Die bürgerliche Weltordnung bringt die schlimmste Vernichtung von Menschenleben hervor, die es auf dem Planeten Erde jemals gegeben hat. Und insbesondere in der Shoah: Die technischen Errungenschaften werden dazu benutzt, um Fabriken zu bauen, die Menschen vernichten und in Rauch auflösen. Das spätestens war auch der praktische „Nachweis“, dass die bürgerliche Gesellschaft aufgrund des Leugnens ihrer inneren Widersprüche das größte Elend produzierte, was zu produzieren war.

    Man hätte ja denken können, dass nach der Massenvernichtung ein Einsehen aufkommen würde; dass man sich die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aneignen würde. Aber das ist, wie wir alle wissen, nicht passiert. Vielmehr zeigten sich zwei Dinge. Zum einen: In der Sowjetunion wurde mehr schlecht als recht versucht, eine Gesellschaft zu errichten, die ihre Grundlagen aus der marxschen Kritik am Bürgertum zieht und somit eine progressive Gesellschaft realisieren wollte (ohne davor allerdings schon in den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt eingetreten zu sein); dieser Versuch scheiterte jedoch in entsetzlichem Maße. Und: Die bürgerliche Gesellschaft schaffte es trotz des Durchlebens der kaum mehr steigerbaren Auslöschung von Menschenleben, sich im Sattel zu halten, allerdings um einen Preis, und dieser Preis war der Verlust der großen Erzählung. Dies führte in eine neue ideologische Phase, die bis heute fortwährt, und diese Phase ist die Phase der „zerklüfteten Erzählung“, beziehungsweise die Phase der „Micro-Ideologie“.

    2. Kritik

    Bevor wir mit der Ideologie weitermachen, müssen wir uns kurz dem Thema Kritik widmen. Wir haben ja jetzt schon von der marxschen Kritik gesprochen. Marx hat aber nicht einfach eine Kritik formuliert, wie wir das dem heutigen Begriff nach kennen. Wie funktioniert Kritik heute im Vergleich zu einer marxistischen Kritik? Kritik heute funktioniert nach dem folgenden Schema: Man ist mit einer Sache konfrontiert, an der man sich – aus welchen Gründen auch immer – stört. Dann schaut man, was es ist, was einen stört, dann kritisiert man die Sache und sagt, was einen daran stört, entweder gleich alles oder eben ein Aspekt an der Sache. Hierbei gibt es ein paar wichtige Dinge festzuhalten. Erstens: Die Kriterien, warum einen etwas stört, legt man selbst fest. Man hat etwa eine Weltanschauung, eine Meinung, eine Ansicht, und ist mit einer gegenteiligen Weltanschauung, Meinung oder Ansicht konfrontiert. Das stört einen, ganz individuell, bringt einen in Unruhe, es scheint ein Fehler vorzuliegen. Das Ziel der Kritik ist, dass sich die Sache ändert, so wird, wie es zur eigenen Weltanschauung passt, und dann tritt wieder Ruhe ein. Es ist also eine Kritik, die durch ein Missfallen in mir ausgelöst wird und die sich der kritisierten Sache von außen nähert. Dabei kann ich das Kriterium selbst festlegen, woran ich die Kritik festmache. Es kann mein Glaube sein, meine moralische Haltung, meine politische Ansicht, es kann mein ästhetisches Empfinden sein, meine Laune, meine Gefühle, meine eigenen Gedanken, meine eigenen Theorien. Die Konsequenz daraus ist: Die Kritik wird wesentlich verstanden von denjenigen, die meinen Glauben, meine moralische Haltung, meine politischen Ansichten, mein ästhetisches Empfinden, meine Laune, meine Gefühle, meine Gedanken und Theorien teilen. Und wenn sie das nicht tun, dann tun sie das eben nicht. Und so bleibt Kritik eine individuelle Frage der Zustimmung, es bleibt subjektiv, es bleibt im „Ich finde/meine/denke …“. Im Grunde werden unterschiedliche Po

    sitionen einfach gegeneinander gestellt, und die Frage, wer recht hat, ist eine Mehrheits- oder Stärkefrage. Diese Kritikform könnten wir „transzendente Kritik“ nennen. Das ist vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber es ist eine Kritik, die über das Kritisierte hinausgeht und das Kritisierte von außen und in der Regel von oben her kritisiert. 

    Die Kritik aber, die damals Marx an der bürgerlichen Gesellschaft hatte, die ging ihrer Form nach ganz wesentlich zurück auf den Philosophen Hegel, und Hegel hatte eine ganz andere Form der Kritik für seine Philosophie fruchtbar gemacht, und zwar: die immanente Kritik. Und das bedeutet: Eine Sache wird nicht von außen oder von oben kritisiert, sondern aus der Sache selbst heraus. Das bedeutet, dass man sich nicht seiner eigenen Kriterien bedient, sondern der Kriterien, die in der Sache liegen, die man kritisieren will. Und genau das hat Marx im Kapital gemacht. Er hat nicht gegen den Kapitalismus moralisiert („Den Arbeitern geht es so schlecht“), seinen eigenen Maßstab angelegt („Ich finde den Kapitalismus einfach schlecht“) oder Ähnliches, sondern er hat geschaut, wie der Kapitalismus nach seinen eigenen, inneren Gesetzmäßigkeiten funktioniert, und dann hat er geschaut, ob, wenn er genau so funktioniert, wie er nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, er dann das einlösen kann, was sich die bürgerliche Gesellschaft davon versprochen hat. Ob er also für die bürgerliche Ideologie diejenigen Mittel bereitstellt, die das einlösen, von dem das Bürgertum will, dass es eingelöst wird. Da hat er dann festgestellt: Das tut es nicht. Aber er hat dies nicht mit eigenen Ideen, mit eigenen Vorstellungen von falsch und richtig getan, sondern mit allen vom Bürgertum und vom Kapital selbst bereitgestellten Inhalten. Er hat eine immanente Kritik formuliert, und das heißt mit der Sache innewohnende Kriterien. Und deswegen – und nur deswegen – hätte das Bürgertum ihm eigentlich zustimmen müssen, und hat es aber nicht getan, sondern sich in die Ideologie geflüchtet. Bei einer Kritik von außen, da hätte das Bürgertum immer sagen können: Na gut, du siehst das so, aber wir sehen es halt anders, du hast Kriterien angelegt, die sind uns egal. Aber Marx konnte dem Bürgertum alles erläutern mit genau den Begründungen und Mitteln des Bürgertums selbst. Die Kritik, die das Bürgertum

     dann an Marx formuliert hat, die ist dann fast immer eine von außen kommende Kritik gewesen. Also sie haben genau das gemacht, was auch heute die moderne Form der Kritik ist: Sie haben nicht mit in der Sache liegenden Argumenten geantwortet, sondern mit Kriterien, die der Sache äußerlich gewesen sind.

    Die Frage, die sich ganz zentral stellt, ist die: Wieso hat das Bürgertum das denn so gemacht? Und wieso ist das auch heute noch die gängige Form der Kritik? Wieso, trotz aller faktischen Umstände in der Welt, wird daran festgehalten? Oder ganz kurz: Welchen Nutzen hat eigentlich Ideologie für diejenigen, die daran festhalten?

    3. Ideologie II

    Ideologie hat einen Nutzen, und der Nutzen ist so groß, dass es kaum jemanden einfällt, von der eigenen Ideologie Abstand zu nehmen. Und das selbst nach dem Zerfall der großen Erzählung aus den oben genannten Gründen. Die Menschen und auch die kritischen Menschen, also die Linken, flüchten sich trotzdem immer wieder in Ideologien. Um das zu verstehen, müssen wir uns den Nutzen von Ideologie einmal anschauen.

    Historisch gesehen wollte das Bürgertum die Menschen aus den Zwängen einer als göttlich oder natürlich angesehenen Ordnung befreien. Der Mensch ganz allgemein sollte sich selber seine Zwecke setzen. Und diese Fähigkeit war die Vorstellung menschlicher Autonomie und Freiheit. Aber das verwirklichte sich nicht. Stattdessen entstand eine Gesellschaft, die selbst wieder angefüllt war mit Zwängen. Diese Zwänge wollte Marx begreiflich machen, aber seine Erkenntnisse wurden abgewehrt. Stattdessen wurde der gesellschaftliche Zwang als vernünftige Eigenhandlung des Bürgertums verklärt. Warum? Weil diese Verklärung das Bürgertum mit der Illusion ausstattete, selbst die Verhältnisse zu produzieren, und wer selbst die Verhältnisse produziert, der handelt, der ist handlungsfähig, sprich: ist autonom und ein bürgerliches Subjekt. Wie schon erwähnt, verwüsteten die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht nur u. a. den europäischen Kontinent, sondern auch die Vorstellung des autonomen Subjekts. Die große Erzählung verlor an Überzeugungskraft, die Menschen erkannten eine bestimmte Zeit lang, dass sie nicht Produzenten des noch kommenden Glücks waren, sondern dass sie kleine Rädchen in einer Todesmaschine waren. Der Subjektbegriff war nicht mehr zu halten. Aber anstatt sich hier auf die Kritik zu verlegen, entstanden neue Erzählungen darüber, welche Rolle man in der Welt hat. Die Leute fanden neue Geschichten, die sie mit dem ausstatteten, was zuvor die große Erzählung geleistet hatte und jetzt nicht mehr leisten konnte: mit ihren individuellen und immer individueller werdenden Geschichten über die Wirklichkeit und welche Rolle sie darin spielen würden. Das sind dann die heute allseits verbreiteten „Micro-Ideologien“, nach denen wir uns, ganz wie im Pippi-Langstrumpf-Lied, die Welt machen „widewidewie sie uns gefällt“.

    Der Nutzen dieser „Mikro-Ideologien“ liegt darin, dass sie unser Leben und unser Handeln in der Welt mit Sinn ausstatten, wo sie objektiv keinen mehr haben. Alle brauchen einen Grund, morgens aufzustehen, sich die Zähne zu putzen, eine Hose anzuziehen, bevor man rausgeht, und so weiter. Aber objektiv ist es vollkommen egal, ob wir es real auch tun. Selbst unseren nächsten Mitmenschen ist das im weitesten Sinne gleichgültig. Daran, dass man als Teil der bürgerlichen Gesellschaft an der Verwirklichung eines großen und guten Projekts teilnimmt, glaubt kaum jemand mehr, aber leben tun wir ja trotzdem. Die Welt besitzt eine für uns kaum mehr durchdringbare Ordnung, sie erscheint als sinnlose Unordnung. Aber da wir irgendwie damit umgehen müssen, brauchen wir einen Orientierungsrahmen.

    Diese Orientierung vermittelt uns die Gesellschaft in immer begrenzteren Rahmen der Erziehung durch Familie, Schule, Arbeit, aber das, was einem dort beigebracht wird, taugt für die sich rasant entwickelnde Welt nicht; auch nicht für die vielen Krisen, die uns umgeben. Es sind nicht wenige, die am liebsten nun den Kopf unter das Kissen stecken und wieder rauskommen würden, wenn alles vorbei ist, aber real müssen wir jeden Tag all unsere Dinge erledigen. Und die Fähigkeit zu handeln geht parallel jeden Tag zurück: Immer mehr Tätigkeiten werden an Maschinen abgegeben.

    Wir können aber unser Handeln nicht einstellen, nicht handlungsunfähig werden, sondern wir müssen handlungsfähig bleiben. Und da wir die Welt nicht mehr verstehen, müssen wir zu Erklärungen über die Welt zurückgreifen, die zumindest Teile der Welt erklären, die zumindest für den uns betreffenden Bereich des Lebens irgendwie Sinn zu vermitteln scheinen. Das ist der produktive Nutzen der Ideologie heute.

    4. Kritik II

    Es ist aber genau dieser Punkt, der zur Unwahrheit treibt. Denn wenn das, was wir uns da zusammenreimen, um handlungsfähig zu sein, vor allem dem Ziel folgt, uns mit Sinn auszustatten, dann ist es durch dieses Ziel kontaminiert. Denn der Zustand, dass wir in dieser Welt fast gänzlich sinnlos geworden sind als Individuen, der lässt sich nicht bestreiten. Niemand spielt mehr eine Rolle, alle sind zu ersetzen, und das zunehmend auch nicht nur durch andere Menschen, sondern auch immer mehr durch technische Hard- und Software. Ideologie, so charmant sie uns auch vorgaukeln mag, dass das, was wir tun, von Belang sei, ändert an diesem Umstand nichts. Das Einzige, woran sie etwas ändert, ist, dass wir darüber ein Drama erzählen, in dem wir ganz im Sinne der bürgerlichen Subjektvorstellung eine bedeutsame Rolle einnehmen. Und wenn wir so ein Drama gefunden haben, in dem wir den Eindruck haben, eine große Rolle zu spielen, dann mobilisiert uns das, und dann können wir mithilfe dieses Dramas auch andere mobilisieren. Diese Fähigkeit, sich und andere zu mobilisieren, vermittelt uns den Eindruck, dass unsere Handlungen dafür taugen, die Welt zu ändern, oder zumindest etwas an der Welt zu ändern. Je mehr wir sind, desto mehr können wir erreichen.

    Und hier kommt der bedeutsame Punkt für uns als Linke. Denn als Linke sind wir von Grund auf zur Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit, zu der wir verpflichtet sind, die hat ihren Ursprung im bürgerlichen Widerspruch, dass das, was ist, nicht sein muss, und dass das, was ist, veränderbar ist. Aber: Dieser Umstand ist nicht immer gleich wahr. Wer im Moment, in dem sich das Falsche verwirklicht, also in dem Moment, in dem der Untergang sich ereignet, einfach immer weiter davon spricht, dass sich der Untergang nicht ereignet, dass sich etwa das Gegenteil ereignet, dass also eigentlich die fortschrittlichen Kräfte dabei sind, den Sieg zu erringen, der vergeht sich an der Wahrheit, der kann so auch nichts mehr dazu beitragen, eine bessere Welt zu verwirklichen. Das gilt auch, wenn man das Falsche abwenden will. Wenn man das Falsche nicht ausreichend versteht und den schlechten Ausweg nimmt, indem man dem Falschen eine Form gibt, in der man es begreifen kann, und die einen dazu befähigt, das Falsche zu bekämpfen, der bekämpft das Falsche nicht. Der wird zum Fürsprecher des Falschen. Der wird zum Verbreiter seiner Ideologie.

    Dies zeigt sich insbesondere im Punkt der Mobilisierung. Die Mobilisierung im Sinne der Ideologie mobilisiert den Einzelnen für das große Ziel, den Zweck, der viel größer ist als der Einzelne. Der Einzelne, der seiner Bedeutungslosigkeit durch Ideologie gerade entkommen will, wird gerade als Austauschbarer für die große Sache in Bewegung versetzt. Private Belange, Abweichlertum, Faulheit, der Wunsch nach Abgeschiedenheit, nach Ruhe, die Verweigerung, die Knochen hinzuhalten, all das wird zum Ausweis dessen, dass man nicht Teil des Ganzen, nicht Teil der Lösung, sondern nur Teil des Problems sein kann. Und das ist einer der Widersprüche, der in der Ideologie als Mittel zur Verwirklichung der Zwecke des Einzelnen enthalten ist: dass das, was der Einzelne sich wünscht, nämlich Bedeutung zu erlangen, nicht verwirklicht wird, sondern dass der Einzelne gerade in seiner Austauschbarkeit für die große Sache marschieren soll.

    Ideologiekritik aber richtet sich nicht einfach gegen das Falsche, sondern auch gegen die Ideologie, die das Falsche maskiert. Und dies ist die Eigenschaft jeder Ideologie, selbst derjenigen, die das Falsche sich schon zum Gegenstand genommen hat. Es ist heute eben so, dass das Falsche eine Dimension angenommen hat, die sich der einfachen Kritik, einer einfachen Gegnerschaft gegen das Falsche, versperrt. Das Falsche hat eine Dimension angenommen, die so umfangreich ist, dass niemand mehr herauskommt, egal ob man hinaus will, sich schon im Außen wähnt oder denkt, man sei sowieso nie drin gewesen.

    5. Theorie

    Das, was hier formuliert wird, ist eine theoretische Position. Es ist keine praktische Position. Niemand, der sagt: „Ich will aber praktisch etwas erreichen, dieses oder jenes eben“, ist daran irgendwie gebunden oder muss sich damit abgeben. Theorie will Wahrheit, und diese ist für die Praxis oft gar nicht notwendig oder sogar hinderlich. Dagegen ist im weitesten Sinne nichts einzuwenden, weil der Widerspruch nun mal so in der Sache liegt. Wogegen aber etwas einzuwenden ist: wenn Praxis zugleich einen theoretischen Anspruch erheben will. Wenn Praxis wahr sein will und dies – weil es nun mal nicht in der Praxis allein liegt – dadurch versucht, zu verwirklichen, indem man über seine Praxis etwas erfindet, was eben schon dadurch seinen Inhalt erhält, dass auf die Wiederholung der Praxis geschielt wird.

    Und auch für Theorie gibt es Bedingungen. Theorie wird nicht richtig, weil man sie gut findet, weil man seine Gedanken liebt, weil man eine Theorie wählt, die die eigenen oder fremde Gefühle nicht verletzt. Theorie kann vielerlei Formen haben, niemand ist auf eine marxistische oder kritische Theorie verpflichtet. Das Bürgertum bietet zahllose andere Theorieformen an, man kann sich aussuchen, was einem passt. Aber dann betreibt man eben bürgerliche Theorie, wird damit immer so oder so weit kommen, dann ist eben Schluss und dann steht der Umsturz der Theorie in Ideologie schon ins Haus.

    Wer aber kritisch im besten Sinne sein will, der muss sich eben mit seiner Kritik den aktuellen, gegenwärtigen Bedingungen stellen und kann nicht vorfindliches, selbst das profunde Wissen einfach nehmen und dann hoffen, schon das Nötige aufgesammelt zu haben. Theorie erfordert die eigene Denkleistung, die Darstellung der eigenen Denkleistung, das Kritisieren anderer Denkleistungen und auch den Nachvollzug von Kritik, und zwar ihrem Argument nach. Die Problematik, dass man, weil es einem eben besser passt, auf nebensächliche Dinge ausweicht, wie die Art des Vortrags, die charakterlichen Mängel des Vortragenden, wie die Amoralität des Gesagten, sollte jedem bewusst sein, der seine Sache ernsthaft betreibt. Es geht bei Theorie im besten Sinne eben nicht darum, sich selbst mit seinem Wissen zu adeln, sich hervorzutun, es für irgendwelche Zwecke zu nutzen, sondern es geht darum, einen Beitrag zu leisten, dass wir als atomisierte Nichtsse irgendwie verstehen, was los ist, und vielleicht dann doch eines fernen Tages in die Lage kommen, an diesem fürchterlichen Zustand um uns herum etwas zu ändern.


    alea • antifaschistisch & autonom

    Leipzig, April 2026

  • Redebeitrag: Kundgebung zur Urteilsverkündung im Prozess um Maja

    Redebeitrag: Kundgebung zur Urteilsverkündung im Prozess um Maja

                                       
    Liebe Genoss:innen, 


    auch wir möchten heute noch kurz ein paar Worte verlieren. Zu Maja, der Auslieferung und zum Prozess wurde schon einiges gesagt. Wir wollen uns nicht wiederholen und schließen uns dem Gesagten an – möchten aber nochmal auf den Aspekt eingehen, der sich als Thema aufdrängt: die veränderten Bedingungen für Antifaschist:innen heute.

    Die abstoßenden Umstände von Majas Auslieferung, das Verfahren in Budapest, aber auch die Ereignisse in den USA, wo die staatlichen Schergen von ICE ungesündt Menschen totschießen, die sich der immer autoritärer agierenden Regierung unter Trump entgegenstellen, machen uns mit aller Eindringlichkeit deutlich: die Bedingungen, unter denen wir als Antifaschist:innen uns gegen den alles verzehrenden Faschismus stellen, haben sich deutlich verschlechtert. Der Kampf gegen alte und neue Nazis war schon immer geprägt von staatlicher Repression, aber zugleich war diese gepaart mit einem gesellschaftlichen Verständnis, wenn nicht sogar Einverständnis. Nicht Wenige versammelten sich unter dem Label „Danke Antifa“, um diesem Ausdruck zu verleihen. Heute aber wird „die Antifa“ national und international verfolgt, und manche von uns werden zu international verfolgen Terroristen hochgepusht. Viele haben das schon kommen sehen. Dass aber einer der heftigsten Angriffe auf uns und unsere Strukturen aus dem Ausland, namentlich aus der Regierung Trump kommt, hat wohl kaum jemand so kommen sehen.

    Die bürgerliche Gesellschaft scheint fragil wie lange nicht. In manchen von ihnen hat der Abbau demokratischer Verteidigungsinstanzen gegen den Faschismus bereits begonnen, und auch in Europa mehren sich die Versuche, Staat und Gesellschaft so umzubauen, dass sie auch in einer Zeit, die Bundeskanzler Merz unlängst in Davos und anschließend bei einem Treffen mit der Faschistin Meloni als „Zeitalter der Großmächte“ bezeichnete, noch wettbewerbsfähig, kampffähig, überlebensfähig bleiben – by any means neccesary.

    Das Zeitalter der Großmächte – hinter diesem Titel verbirgt sich die Zuspitzung der kapitalistischen Konkurrenz hin zum offenen Kampf. Nicht der moralisch integerste, nicht der weltoffenste, der bürgerlichste Staat wird in diesem Kampf siegen, sondern der stärkste Staat. Das Ende der Verhandlung, das Ende der Diskussion, das Ende der Offenheit naht, das Zeitalter der großen Gewalt kommt, die Drohung des faschistischen Umschlagens aller Verhältnisse. Und mit ihnen kommt die tödliche Bedrohung für alle und jeden, und niemand, der mit offenen Augen in die Welt zu schauen wagt, bleibt hiervon unberührt. Es ist für uns als Antifaschist:innen nicht die Frage: „Wie verhindern wir diese Bedrohung?“, „Wie halten wir das auf?“, sondern vielmehr „Wie gehen wir damit um?“

    Diese Frage, wie wir damit umgehen, ist vielleicht gar nicht richtig zu beantworten. Vielleicht müssen wir weitermachen, so gut wir können, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, und unsere Möglichkeiten immer im Verhältnis zum realen „Jetzt“ ausloten. Wenn aber die Frage nicht richtig zu beantworten ist, so ist sie ganz sicher falsch zu beantworten. Und diese falschen Antworten drängen uns die immer brutaler werdenden Verhältnisse auf. Eine dieser falschen Antworten ist, sich selbst zu versuchen mit den Mitteln der Macht auszustatten. Wir haben sie nicht, und selbst wenn wir sie haben könnten, würde uns mit ihnen das verloren gehen, wofür wir sie einsetzen wollten: die freie Welt, das freie Leben, das gute Leben.

    Wir haben erst kürzlich in Connewitz gesehen, wie es aussieht, wenn der Blick für die Verhältnisse verloren geht. Weil im Großen nichts mehr zu erreichen ist, wird sich aufs Kleine verlegt. In dieser entwürdigenden Inszenierung des Kleinen als Großem geht der Blick für die Verhältnisse gänzlich verloren. Wir erreichen für uns nichts, aber was wir bekommen sind die Rohheit, der Stumpfsinn und die Aggressivität, die das Große überhaupt ausmachen. Der Grad, in welchem sich dieses Weltverhältnis bis in unsere Strukturen fortsetzt, verweist auf die Dimension, in welcher sich das Falsche, der Faschismus, bereits durchgesetzt hat.

    Unser wichtigstes Mittel gegen die kommenden und schon um sich greifenden Gefahren sind und bleiben Empathie, Mitgefühl und Solidarität. Dies ist es, was wesentlich uns unterschiedlich macht zur faschistischen Tendenz. Diese waren und sind es, die Maja und alle anderen gefangenen Antifaschist:innen davor bewahrt haben, im Zugriff ihrer Häscher zu ersticken. Und diese sind es auch, warum wir heute alle hier und nicht woanders sind. Und daran wollen und müssen wir festhalten.
    In diesem Sinne: 

    Viel Kraft unseren inhaftierten Genoss:innen!
    Lang lebe die Antifaschistische Aktion!
    Tod dem Faschismus!
    Free Maja!

    alea • antifaschistisch & autonom

    Leipzig, Januar 2026

    alea-le.org

  • Kurzbericht zum Gedenken an Horst K.

    Kurzbericht zum Gedenken an Horst K.

    Am 30.12.2025 gedachten ca. 25 Antifaschist:innen der Ermordung Horst K.s vor dreißig Jahren. Er wurde von zwei jungen Männern, die zufällig in der Straßenbahn auf ihn trafen und die ihn für einen Obdachlosen hielten, angezündet. Das Gedenken fand gegenüber des Straßenbahnhofs Angerbrücke im Leipziger Westen statt. Nach dem Verlesen eines Redebeitrags wurde an der dort befindlichen Haltestelle ein Plakat, das über die Tat informiert, angebracht sowie Kerzen und Blumen niedergelegt.

    Wir dokumentieren hier den Redebeitrag:

    Heute vor 30 Jahren, am 30. Dezember 1995, kurz vor 21 Uhr, betreten zwei junge Männer an einer Haltestelle in Leipzig-Grünau die Straßenbahn der Linie 15. Steffen S. (20 Jahre) und Marlon S. (19 Jahre) treffen dort auf den schlafenden Horst K. Sie halten ihn für einen Obdachlosen und Marlon S. fordert seinen Freund auf: „Zünde ihn einfach mal an.“ Steffen S. folgt der Aufforderung seines Freundes und entzündet die leicht entflammbare Jacke Horst K.s mit seinem Feuerzeug. An der nächsten Haltestelle wechseln die beiden den Wagen der Straßenbahn und beobachten von dort aus, wie Horst K. verbrennt. Erst jetzt greifen andere Fahrgäste ein. Nachdem die Notbremse ausgelöst wird, flüchten Steffen S. und Marlon S.

    Horst K. erleidet an über 40 Prozent seines Körpers schwerste Verbrennungen. Er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen Verletzungen. Horst K. wird nur 43 Jahre alt.

    Den beiden Tätern waren die Gesundheit und das Leben von Horst K., den sie für einen Obdachlosen hielten, offensichtlich nichts wert. Verfolgt man die gesellschaftliche Haltung zur Armut in Europa, so unterlag diese in der Geschichte einem Wandel. Zunächst war sie vom Christentum geprägt. Armut galt als ein gottgegebenes Schicksal, das der Mensch mit Demut zu tragen hatte. Ab dem elften Jahrhundert wurde Armut stärker ein religiöser Wert zugesprochen. Allerdings nur, wenn sie freiwillig war. Für die breite Masse der Arbeitenden wäre die Aufgabe ihrer sozialen Rolle kein Akt der Demut, sondern des Stolzes gewesen. Verbunden mit der religiösen Aufwertung war die Pflicht zur Nächstenliebe. Den tugendhaften Armen, den Kranken und den Alten galt es, zu helfen. Almosen waren ein Mittel, seine Frömmigkeit zu beweisen, und wurden als Weg zur Sühne der Sünden gesehen. Armut erfüllte so die Rolle, den Reichtum sozial zu rechtfertigen.

    Vom zwölften bis zum 16. Jahrhundert bildete sich aufgrund unterschiedlicher Entwicklungen eine Klasse Landloser, die von Arbeit gegen Lohn abhängig waren. Armut wurde zu einem Massenphänomen und als schädlich für das Gemeinwohl angesehen. Das Land war die eigentliche Quelle der Armut, aber in den Städten wurde sie besonders fühlbar. Die alten Strukturen zur Integration von Neuankömmlingen waren dem hohen Zustrom nicht mehr gewachsen. Dies führte zu einer städtischen Reformbewegung hin zu einer organisierten und regulierten Sozialhilfe. Einerseits wurde an der christlichen Pflicht zur Unterstützung der tugendhaften Armen, der Kranken und der Alten festgehalten. Andererseits ging man gegen arbeitsfähige Bettler vor. So begann eine Zentralisierung und Säkularisierung der Wohlfahrtsinstitutionen, Betteln wurde verboten und Arbeitsfähigen eine Arbeit zugewiesen. Es entstand die Sicht, dass man die Armen zur Arbeit und damit zu einem sozialen Verhalten erziehen müsste.

    Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich mit der Industrialisierung die Lohnarbeit durch. So wurde ein Großteil der ländlichen Zuwanderer in das entstehende Proletariat aufgenommen. Eine soziale Absicherung bestand zunächst nicht, so dass weite Teile des Proletariats in Armut lebten. Mit dieser Entwicklung verbunden ist auch die Wohnungslosigkeit in Städten und das Aufkommen des Begriffs Obdachlosigkeit. Im Kaiserreich stand diese praktisch unter Strafe. Hilfe gab es nur im Arbeitshaus, was Arbeitszwang, wenig Essen und keine eigene Möglichkeit zum Verlassen der Einrichtung beinhaltete. Absicherungen für die Arbeiter:innen wurden erst mit sozialen Reformen ab den 1880er Jahren eingeführt. In dieser Phase entstanden auch erste Obdachlosenasyle.

    In der Weimarer Republik nahm die Obdachlosigkeit zu. Zunächst wegen Soldaten, die nach dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten. Später, weil Inflation und Weltwirtschaftskrise zu Verarmung führten. Hinzu kam Wohnungsmangel. Die Strafgesetzgebung aus dem Kaiserreich bestand zwar fort, gleichzeitig waren Wohlfahrtsämter nun zuständig für Unterstützungsleistungen und gewährten diese auch leichter als im Kaiserreich. Außerdem waren Kommunen zur Unterbringung von Obdachlosen verpflichtet.

    Mit der Aufklärung hatte zunächst ein Optimismus eingesetzt, dass sich die Gesellschaft auf Grundlage der Vernunft positiv entwickeln und soziale Probleme gelöst werden würden. Darauf folgte später eine inneraufklärerische Kritik, die die Entwicklung der Gesellschaft auf mathematisch-naturwissenschaftlich formulierte Gesetzmäßigkeiten zurückführte. Auf Grundlage dieser Auffassung entstand auch ein Denken, das die soziale Stellung eines Individuums innerhalb der Gesellschaft aus seiner Angepasstheit an diese Sachzwänge resultierend ansah. Durch die Verbindung mit biologischen Evolutionstheorien radikalisierte sich dieser Gedanke und die Angepasstheit selbst wurde naturalisiert und auf vererbbare Eigenschaften zurückgeführt. Schließlich entstand so auch ein Denken, das von Seiten der Gesellschaft in die Reproduktion der Menschen eingreifen wollte, um „gute“ Erbanlagen zu fördern und „schlechte“ zu entfernen.

    Brutale Wirklichkeit wurde dieses Denken im NS, als Obdachlose im Kampf gegen sogenannte „Asozialität“ verfolgt und inhaftiert wurden. Vom 18. bis zum 25. September 1933 kommt es zur ersten reichsweit organisierten Massenverhaftungsaktion, der sogenannten „Bettlerrazzia“, bei der, begleitet von einer Pressekampagne und unter Mithilfe zahlreicher Wohlfahrtsverbände und Bürger:innen Zehntausende Obdachlose, Bettelnde und Prostituierte festgenommen und teilweise zwangssterilisiert wurden. Zwischen 63.000 und 80.000 als „asozial“ verfolgte Menschen wurden in der Zeit des NS in Konzentrationslagern inhaftiert.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Obdachlosigkeit in der DDR grundsätzlich repressiv begegnet. Auch in der BRD hielt man zunächst an einer Unterscheidung zwischen „selbst verschuldeter“ und „unverschuldeter“ Obdachlosigkeit fest. Erst mit Verwissenschaftlichungsprozessen in der Verwaltung in den 1960er Jahren rückten soziale Gründe in den Vordergrund. Diese Perspektive setzte sich im Laufe der 1970er und 1980er Jahre durch und leitete einen entscheidenden Wandel in der Obdachlosenfürsorge ein.

    Es gab also schon immer eine Armut, die als selbstverschuldet angesehen wird und dann auch mit Ablehnung konfrontiert ist. Einerseits werden die Menschen auf ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft reduziert. Gleichzeitig wird ein Scheitern an den Sachzwängen innerhalb der Gesellschaft auf Trägheit, mangelnde charakterliche Entwicklung oder biologische Minderwertigkeit der Einzelnen zurückgeführt. Arme werden so als mangelhaft für die Gesellschaft und mangelhaft in ihren individuellen Eigenschaften vorgestellt. In seiner radikalsten Form erscheinen in diesem Denken die Armen überhaupt nicht mehr als vollwertige Menschen, sondern nur noch als Objekte der Gesellschaft, die selbst durch ihr Menschsein nicht vor Gewalt geschützt sind.

    Seine Verachtung für Host K. machte einer der Täter während der späteren Verhandlung klar: Steffen S. bezeichnete dort den Anblick des brennenden Menschen als „cool“. Steffen S. wurde zu einer Jugendstrafe von achteinhalb Jahren Haft wegen Mordes, Marlon S. zu einer Jugendstrafe von einem Jahr Haft auf Bewährung wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt. Während der Verhandlung vor dem Leipziger Landgericht wurde ein sozialdarwinistisches Motiv ausgeschlossen. Laut Staatsanwalt Schüddekopf handelten die beiden Jugendlichen nicht sozialdarwinistisch, da sie „spontan handelten“. Und so wird Horst K. bis heute nicht offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.

    Horst K., wir kannten dich nicht – aber wir vergessen dich nicht. Dich nicht – und auch nicht deine Mörder.

  • Abweg>Holzweg – Eine Antwort auf den Text „alea auf Abwegen?“

    Abweg>Holzweg – Eine Antwort auf den Text „alea auf Abwegen?“

    Vermutlich wirklich niemand ist gerne Objekt der Verwaltung, und trotzdem ist man es. Auf welche Weise die Verwaltung einen erfasst, ist von außen nicht immer nachvollziehbar, und zugleich hat es meistens einen klar bestimmten Grund: Wer zB einen Hund hat, der hat, wenn er von der Verwaltung erfasst wird, mit dem Ordnungsamt zu tun und muss dann Hundesteuer zahlen. Auch wir wurden kürzlich mit der Verwaltung konfrontiert wegen eines Redebeitrags, den einige Genoss:innen von uns zum 9.11. geschrieben hatten, aber nicht mit dem Ordnungsamt oder einer verwandten Behörde, sondern mit der „Elendsverwaltung“. Und da die Elendsverwaltung ja ganz offenkundig die Behörde zur Verwaltung des Elends ist, ist nun offiziell, was wir nur ahnen konnten: dass wir ein Elend sind und als Elend irgendwie verwaltet werden müssen. Wer nun denkt: „Elendsverwaltung, nie gehört, das ist sicher keine richtige Verwaltung“, der sei zumindest einmal auf die Ähnlichkeit eines Schreibens, das man aus der Verwaltung erhält zum aktuellen Schreiben an uns hingewiesen: Distanziertheit der Sprache, Mangel an Bezug zum verwalteten Gegenstand, unstrukturierte Darstellung, übertriebene Formalität, fehlende Klarheit.
    Jetzt sind wir gar keine Feind:innen der Verwaltung und zugleich keine Freund:innen der verwalteten Welt, sondern nehmen alles erstmal, wie es ist, damit es irgendwann anders werden kann, als es ist. Und das bedeutet für uns, dass wir verstehen wollen, was denn da mit uns gemacht wird. Und siehe da, der Verwaltungsgrund kommt: Es geht darum, Aufschluss über unsere Bedürfnisse zu erlagen, insbesondere über ein Bedürfnis: Die Frage soll geklärt werden, „[…] welches Bedürfnis sich in dem Freispruch der Antizionisten vom Antisemitismus ausdrückt“. Dazu soll noch „[…] dem vorausgesetzten Subjektbegriff, der sich in den Ausführungen von alea darstellt“ nachgegangen, also dem Elend auf den Grund gegangen werden. Why not?

    1. Zum Begriff der Kritik

    Wir werden ja nicht müde zu erwähnen, dass wir uns über Debatte und Austausch freuen – nicht weil das unser „Bedürfnis“ ist, sondern weil wir denken, dass ohne Debatte und Austausch etwas Wichtiges nicht zustande kommt, was wir aber aktuell dringend brauchen: Einen Begriff davon, was eigentlich in der Welt gerade passiert. Denn: So klar, wie leider allzu viele Menschen denken, ist das nicht, und das Notwendige dazu wird nicht gewusst. Und deswegen freuen wir uns natürlich, wenn sich jemand kritisch mit unseren Beiträgen auseinandersetzt. Was aber heißt es eigentlich, sich „kritisch“ mit etwas auseinanderzusetzen? Viele (so auch die Elendsverwaltung) scheinen zu glauben, dass eine kritische Auseinandersetzung so funktioniert: Man sagt, dass man das, was man kritisiert, falsch findet, schmäht die Verfasser:innen ein wenig, und dann füllt man den Rest des Textes mit einer Darstellung des eigenen Denkens. Da, wo es um die Sache gehen sollte, spricht man von sich selbst. Es geht nicht darum, sich einem fremden Gedanken zu überlassen, ihn nachzuvollziehen und dann seinem Mangel zu überführen, oder wenn möglich sogar den Mangel am Ende zu beheben. Fremdes Denken wird als Konkurrenz zum eigenen Denken erlebt, fremde Verfasser:innen als Konkurrent:innen. Und wie das nunmal ist in dieser Welt: Gegen einen Konkurrenten setzt man sich durch – oder versucht es zumindest. Wer so kritisiert, der kritisiert nicht, sondern: Wer so kritisiert, stellt das Denken still. Fremdes Denken wird wie das eigene Denken als statisch erlebt, als wahr oder unwahr, als so oder so. Es geht gar nicht um das, was in einem Widerspruch zu einem selbst steht, sondern es geht um das eigene Selbst; es geht darum, Autorität zu beweisen, einen dominanten Gedanken in seiner hohen Position zu festigen. Und wieso? Welches „Bedürfnis“ steckt dahinter? Dahinter steckt ein identitäres Bedürfnis. Man hat einen Gedanken gefunden, der einen durch seine Kraft beeindruckt hat, man macht sich identisch mit diesem Gedanken, und wenn nun dieser Gedanke infrage gestellt wird, etwa durch einen Text oder Redebeitrag von uns, dann muss man ihn abwehren: Durch die Identität mit einem bestimmten Gedanken ist ein Infragestellen dieses Gedankens auch zu einem Selbst-Infragegestelltwerden geworden. Um nicht selbst denken zu müssen, klammert man sich an einen bereits gedachten Gedanken, einen Gedanken, dessen Selbstbewegung man noch zu verneinen gelernt hat. Und damit hat man den Weg zur Ideologie eingeschlagen.
    Wenn wir nun als Gruppe einen Text veröffentlichen oder einen Redebeitrag halten, dann ist unser Ziel dahinter natürlich, dass sich mit dem Inhalt auseinandergesetzt wird, sonst würden wir alles einfach für uns behalten und hätten unseren Frieden damit. Zwei Sachen wollen wir aber definitiv nicht. Erstens: Dass uns blind zugestimmt wird. Wir glauben gar nicht, dass das viel vorkommt, aber in den bisherigen öffentlichen „Kritiken“ wurde bisher immer die Sorge geäußert, dass man uns zustimmen würde, und es wurde davor gewarnt, uns zuzustimmen, und daher wollen wir diese Warnung hier wiederholen: Es geht uns nicht um Zustimmung, sondern darum, zu versuchen, das, was um uns herum in der Welt passiert und über dessen Verlauf die Menschen jede Kontrolle verloren zu haben scheinen, besser in den Blick zu bekommen, damit sich vielleicht doch irgendwann etwas ändern kann. Das ist es, wieso wir unsere Gedanken teilen: Dieses Vermögen in uns allen zu steigern – nicht durch Zustimmung, sondern durch aktive Auseinandersetzung mit der Welt, und zwar mit der Welt in ihrer aktuellen Gestalt, dh wir müssen unsere Theorien und unsere Begriffe an dieser aktuellen Welt bilden, und nicht das Denken anderer nutzen, um ein Bild über die Welt zu haben.
    Und zweitens: Wir wollen nicht behaupten, dass wir am Ende des Denkens angekommen sind. Das sind wir nicht, so denken wir nicht über uns selbst, und so denken wir schlicht auch über niemanden, weil es keine ewige oder statische Wahrheit gibt. Wir formulieren keine festen Theoriegebäude, sondern wir drücken aus, was wir denken, was sich als Ergebnis unserer eigenen Debatten und Gespräche einstellt. Dass andere daran partizipieren können, ist unser Anliegen. Und ja, wir veröffentlichen einen Text, wir halten einen Redebeitrag, weil wir damit das Denken voranbringen wollen und auch denken, dass wir das können, aber sicher nicht, weil wir das bestehende Denken wiederholen und festigen wollen. Die „Elendsverwaltung“ unterstellt uns hier den Wunsch nach einem „Unique Selling Point“, also einen Wunsch nach einer Marketingbesonderheit, als ginge es uns darum, uns selbst irgendwie zu Markte zu tragen, uns selbst zum Besonderen zu machen, als würden wir zwanghaft nach etwas Neuem und damit vor allem Anderen suchen, damit wir uns auf Teufel komm raus von anderen abheben. So fern liegt ja so ein Gedanke nicht, weil es das ist, was die Gesellschaft aus ausnahmslos allen macht: Ein bedeutungsloses Nichts, was nur dann etwas wert ist, wenn es sich selbst verkaufen kann, und der Weg für einen solchen Verkauf ist eben das „Besondere“. Und als Menschen, die sich nicht von anderen unterscheiden und dies weder wollen noch können, sind wir davon genauso berührt wie alle anderen. Aber dies ist nicht der Grund, wieso wir Politik machen, und es ist geradezu unser politisches Anliegen, durch Organisation, durch gemeinsame Reflexion und dadurch, dass wir uns erfahrbar und angreifbar machen, am Ende doch etwas anderes zu haben, als dass unser Denken doch nur Ware ist. Nur falls hier irgendeine Art von Verwirrung aufgetreten ist: Wir profitieren von unserer politischen Tätigkeit nicht, weder finanziell noch persönlich: Vielmehr bringt sie ziemlich viel Mühsal mit sich und wir würden sie doch lieber eher nicht tun, als dass wir sie machen. Wir mögen keinen Szenegossip, wir mögen kein „In- or Out-Sein“, wir mögen keine Konkurrenz mit anderen Gruppen und dergleichen mehr. Mag gut sein, dass man davon trotzdem etwas bei uns finden kann, aber vielleicht trägt man da auch etwas an uns heran.
    Das bestehende Denken festigen zu wollen, ist hingegen das Anliegen bisheriger „Kritik“ an uns gewesen: Es wird die eigene Theorie gegen uns hochgehalten, die dann oft so eigen gar nicht ist, wie ja auch die Elendsverwaltung über sich schreibt: Die eigene Theorie hat sich „sedimentiert“, also abgelagert; sie ist ein Bodensatz, der sich wie von allein aus anderen Theorien gebildet hat, ein Sediment, über welches man nicht sprechen will, obwohl es darum geht. Und dieser Bodensatz ist das, was man nicht verlieren will; das, was sich über die Zeit festgesetzt und abgelagert hat, soll bleiben, wo und wie es ist, und wenn dann ein Gedanke aufkommt, der die Gefahr in sich birgt, dass diese Ablagerung wieder in den Fluss kommt, dann wird der eigene Bodensatz umso fester geklopft, je stärker der Sog ist.
    Was macht man also mit einer solchen „Kritik“? Denn auf der einen Seite macht es wenig Sinn, noch einmal das zu schreiben, was wir schon im Redebeitrag gesagt haben; auf der anderen Seite drängt sich zwar die Elendsverwaltung mit der eigenen Position nach vorn, will zugleich nicht über „Grundlagen“ sprechen; vielmehr sollen ja wir von unserem „Abweg“ abkehren und wieder das machen, „was doch sonst mit überraschend viel Gedanke daherkommt“, kurz: Wir sollen unsere „Schieflage“ beheben und wieder ganz gerade und ordentlich denken. Wir werden also das machen, was wir in solchen Fällen machen: Wir gehen einfach durch die „Kritik“ hindurch und hoffen, dass dabei das ein oder andere aufgehellt werden kann.

    2. Unser falscher Subjektbegriff

    Die Elendsverwaltung stellt nach einer kuren Einleitung über sich fest: „Ich bin nicht Herr im eigenen Haus und die Gedanken, die durch meinen Kopf schwirren, haben mich abgelenkt von meinem Willen, strukturiert diesen Text zu schreiben.“ Damit soll aber nicht nur der unstrukturierte Text entschuldigt werden. Vielmehr geht es auch darum, unseren Subjektbegriff zu kritisieren. Dieser ist nämlich falsch, weil wir in den Augen der Elendsverwaltung davon ausgehen, dass man eben doch der „Herr im eigenen Hause“ ist, also das über sich sagt, was der Fall ist, und dass wir damit hinter die Position der Freudschen Psychoanalyse zurückfallen. Freud hat ja insbesondere hervorgehoben, dass wir eben nicht selbstbewusst den Inhalt unserer Gedanken steuern können, sondern dass es andere, unbewusste Motive dafür gibt. Und die Psychoanalyse ist dann das Instrument, mit welchem die verborgenen Motive ins Bewusstsein gehoben werden können. Das bezieht sich wohl auf eine Passage unseres Beitrags:
    „Was aber genau ist gemeint, wenn die Freunde der durch nichts mehr gehemmten Befreiung vom gewaltvollen Zwang der bürgerlichen Welt, ihre Gegner als Zionisten beschimpfen, und zugleich darauf beharren, damit nicht die Juden zu meinen? Das ist es, was zu beantworten ist, wenn man sich mit der gegenwärtigen Lage befassen will, und die Antwort auf diese Frage ist wichtiger als der Streit darum, ob ein Antizionist auch noch ein Antisemit ist.“
    Die Elendsverwaltung hält uns hier entgegen: Das ist nicht das, was es zu beantworten gibt, weil es ist schon beantwortet, weil der Antizionist ist eben doch einfach ein Antisemit und fertig. Das wird von der Elendsverwaltung ja auch sehr deutlich gemacht: „Um es direkt nochmal zu betonen: Antizionismus lässt sich außerhalb von Israel nicht ohne Antisemitismus denken“. Die Elendsverwaltung glaubt nämlich mit der Psychoanalyse feststellen zu können, dass der Antizionist zwar sagt, er sein nicht gegen die Juden, aber unbewusst ist er es eben doch. Unbewusst trägt er den Judenhass in sich, hat eine rassische Judenvorstellung, hält die Juden für das Übel der Welt. Und es ist nur ein weiterer unbewusster Inhalt aus seinem psychischen Apparat, der verhindert, dass er dies über sich weiß: ein Tabu. Wenn wir jetzt hingehen und den Antizionisten beim Wort nehmen wollen, also wollen, dass man ihm zubilligt, dass er die Juden nicht als antagonistische Rasse begreift, und dass man nun hingehen und untersuchen muss, was das heutzutage bedeutet, dann verkennen wir diese Verfasstheit des psychischen Apparats des Antisemiten. Wir tragen zu seiner Entlastung bei, weil wir ihm helfen, seinen Antisemitismus hinter dem Antizionismus zu verbergen: Wir tätigen einen „Freispruch“, wo aber ein Schuldspruch nötig wäre.
    Es ist nun in der Psychoanalyse gerade nicht so, dass die Psychotherapeutin von vornherein weiß, was ihr Patient denn hat, und auch die allgemeine Theorie bietet kein festes Wissen über diesen oder jenen konkreten Sachverhalt. Vielmehr ist es ja ein Sammelsurium an Beobachtungen, wie Menschen ihre psychischen Konflikte lösen, und es sind diese Lösungsstrategien, die dann eine gewisse wiederkehrende Struktur haben. Was wäre der psychische Apparat des Antisemiten in dem Bild, was sich in der Elendsverwaltung sedimentiert/abgelagert hat? Einmal das der pathischen Projektion: Der Antisemit projiziert sein für ihn unbegreifliches Erleben der irrationalen Verhältnisse auf den Juden und identifiziert ihn als den Verursacher dieser Verhältnisse. Und zweitens dem der Verdrängung: Da die Gesellschaft ihm mittlerweile verbietet, den Juden zum Schuldigen zu machen, verdrängt er seinen Judenhass. Weil aber das Verdrängte in entfremdeter Gestalt doch seinen Weg an die Oberfläche findet, wählt der Antisemit nun nicht mehr den Juden als das Ziel seines Hasses, sondern etwas, was mit dem Juden identifiziert ist. Und das sind dann etwa jüdische Organisationen, „die Ostküste der USA“ oder eben Israel.
    Die Elendsverwaltung macht hier nun zwei Fehler. Der erste besteht darin, dass geglaubt wird, dass dieser Befund, der ja zu einem bestimmten und konkreten historischen Zeitpunkt aufgestellt wurde, eine durchgehende Gültigkeit besitzt und deswegen nicht mehr neu geleistet werden muss. Man kann einfach daran festhalten und gut ist. Es ist hier eben nicht mehr die strukturelle Identität psychischer Reaktionsbildungen, die aus der Psychoanalyse übernommen wird, sondern es ist die Übernahme des Ergebnisses. Ein solches Feststellen der Ergebnisse, die sich mit den Äußerungen derjenigen, die man da analysieren will, ist mit der Psychoanalyse schlechterdings nicht zu begründen. Vielmehr wäre das, was man da als Ergebnis nun als Allgemeinbefund glaubt, in der Tasche zu haben, selbst eine Projektion, nämlich die Projektion einer Sichtweise auf ein Subjekt, dessen Äußerungen nur quantitativ noch eine Bedeutung haben. Im bereits zitierten Ausspruch: „Um es direkt nochmal zu betonen: Antizionismus lässt sich außerhalb von Israel nicht ohne Antisemitismus denken“ ist dies ja auch festgestellt, und zwar bevor eine Betrachtung vorgenommen wird. Unsere Forderung, das, was die Antizionisten heute über sich sagen, zu untersuchen, anstatt sich auf eine Analyse zu beziehen, die ja zu einem anderen Zeitpunkt in Bezug auf andere Menschen angestellt wurde, wird als unbegründet zurückgewiesen: Das Ergebnis steht nämlich schon fest. Dies Denken wiederholt sich auch, wenn später in anderem Kontext gesagt wird: „Eine kurze Recherche wird dies empirisch belegen“. Auch hier wird das Ergebnis einer empirischen Untersuchung vorweggenommen, wobei ja gerade die Empirie durch die Prüfung einer qualitativen Aussage ihren Sinn bekommt – gesagt wird hier ganz im Gegenteil, dass eine empirische Untersuchung ohnehin obsolet ist, weil ihr Ergebnis durch subjektiven Eindruck schon bekannt ist. Die Elendsverwaltung glaubt hier, über den Sachen zu sein, und deswegen nicht mehr in die Sachen hineinzumüssen. Das aber ist kein kritisches Denken, sondern sein Gegenteil. Es nimmt Statik an, wo keine ist, und mit der vermeintlichen Festigkeit wird dann gegen diejenigen gearbeitet, die auf den Mangel hinweisen. Wenn man aber seine Position behaupten will, dass die Antizionisten von heute die gleiche psychische Struktur aufweisen wie die von damals, dann muss man das zeigen. Ein bloßer Verweis auf Texte, die angetreten sind, das Verhältnis aufzuhellen, reicht nicht.
    Der zweite Fehler, der gemacht wird, besteht angrenzend an den ersten, dass hier das Tabu nicht ausreichend reflektiert wird. Der Antisemitismus nach 1945 erfuhr durch die gesellschaftliche Struktur eine internationale Ächtung. Das Tabu, welches die Antisemiten dazu brachte, ihren Hass auf die Juden zu verdrängen und umzulenken auf etwas anderes, ist das Resultat dieser Ächtung. Das Machtverhältnis war hierfür entscheidend: Ein Tabu kann immer nur durch Autorität auferlegt werden. Die offene Feindschaft zu Israel heute aber ist weltweit auf ihrem Höhepunkt angekommen; es ist eine Mehrheit der Staaten auf der Welt, die ihn teilen. Staaten, die ihm widersprechen, schwinden, in ihrer Zahl und verlieren mit ihrer Haltung nicht nur international, sondern auch national an Autorität gegenüber der Bevölkerung. Wenn es nun stimmen würde, dass, wie die Elendsverwaltung es annimmt, all diese Menschen und Staaten, die sich offen gegen Israel stellen, in Wahrheit verdrängte Antisemiten wären, dann müsste man ja feststellen, dass es keine internationale Mehrheit mehr gegen den Antisemitismus gibt, das Tabu seine Autorität verloren hat, ergo die Antisemiten nicht mehr sagen müssten, dass sie Antizionisten seien. Sie könnten ihren Antisemitismus offen ausdrücken, da sie ja die Autorität nicht mehr fürchten müssten. Selbst die Autorität, der gegenüber sie ihren Antisemitismus verheimlichen müssten, wäre ja erkennbar auf ihrer Seite. Ein Antizionismus, der aber nur aus einem Tabu heraus Antizionismus ist, und dann aber ein solcher bleibt, selbst wenn das Tabu fällt, wäre eine qualitative Neuheit. Es würde bedeuten, dass das Tabu zu einem unverrückbaren Teil der Persönlichkeit geworden ist – in diesem Fall hätten wir aber einen Antisemiten, der unter keinen Umständen Antisemit sein kann und auch niemals offen sich zu seinem Antisemitismus bekennen könnte. Darüber müsste die Elendsverwaltung aber etwas sagen, wenn sie es mit ihrer Darstellung und ihrem Bezug auf die Psychoanalyse ernst meinen würde.
    Demgegenüber befinden wir uns mit unserer Darstellung in bester Tradition mit der Psychoanalyse, ganz so, wie die Elendsverwaltung es für sich nur wünscht. Denn das, was jemand sagt, zuallererst einmal beim Wort zu nehmen, ist ja gerade der Schlüssel, den Freud mit seiner Psychoanalyse allen in die Hand geben wollte, wenn es um das Verständnis des Unbewussten geht. Den anderen als das zu nehmen, was er ist, nämlich ein Subjekt, ist eine Qualität und kein Mangel; diesem Mangel macht sich die Elendsverwaltung aber selber schuldig, wenn sie fordert, dass diejenigen, die da als Antisemiten betrachtet werden sollen, wesentlich als Objekt betrachtet werden sollen, das über sich nicht mehr aussagen kann, als die Elendsverwaltung ihm zubilligt. Warum aber ist es der Elendsverwaltung denn so wichtig, dass die Antizionisten nicht beim Wort genommen werden dürfen? Wir bleiben hier bei dem, was die Elendsverwaltung dazu sagt: Weil dies ein Freispruch ist, obwohl sie schuldig sind.

    3. Unser Freispruch

    Schon ganz am Anfang der „Kritik“ schreibt die Elendsverwaltung, dass sie die Frage aufwerfen will, „welches Bedürfnis sich in dem Freispruch der Antizionisten vom Antisemitismus ausdrückt“. Wir lassen jetzt mal weg, dass wir nicht irgendein „Bedürfnis“ haben, jemanden freizusprechen, allein schon deswegen, weil wir uns gar nicht in die Position setzen, irgendjemanden freizusprechen, genauso wenig wie wir jemanden schuldig sprechen, nicht nur im juristischen Sinne nicht, sondern auch schon im theoretischen Sinne nicht, und wir sind auch nicht moralisch. Es geht uns nicht darum, jemanden zu verurteilen, weil er etwas Böses getan hat, oder jemanden freizusprechen, weil er unschuldig ist. Das überlassen wir Richtern, Priestern und Moralisten aller Art, und wer sich damit adeln will, es ihnen gleichzutun, der braucht auf unsere Gesellschaft nicht zu zählen. Dass wir ein „Bedürfnis“ danach haben, ohne es zu wissen, das hat ja die Elendsverwaltung schon in ihrem Subjektbegriff versucht darzulegen, und dazu haben wir ja schon etwas geschrieben. Nur noch so viel: Um Bedürfnisse ging es in der Psychoanalyse zu ihren besseren Zeiten jedenfalls nicht, sondern um Triebe; ein Freispruch aus psychoanalytischer Hinsicht wie es uns als Bedürfnis untergeschoben wird wäre ja am ehesten dadurch motiviert, dass wir einen unterdrückten Trieb haben, dem wir nicht folgen können, weil er tabuisiert ist. Dann gibt es jemanden, der seine Triebe auslebt, und deswegen durch die Wächter des Tabus, welches uns als Gruppe noch hemmt, verurteilt wird; in der Folge sprechen wir ihn frei, weil wir uns selbst freisprechen wollen, weil wir uns durch Übertragung mit dem Verurteilten identifizieren. Die Sanktion gegen ihn richtet sich auch gegen uns. Die Elendsverwaltung scheint genau das über uns zu denken. In Bezug darauf, dass wir keine Antizionisten sind, heißt es: „ Aber was nicht ist, ist leider nicht ausgeschlossen noch zu werden“ – wir haben uns also durchaus verdächtig gemacht, vielleicht doch Antizionisten zu werden, bzw. es insgeheim schon zu sein, und insofern wäre unser „Bedürfnis“ nach einem Freispruch für Antizionisten gerade dadurch motiviert, dass wir selber welche sind, und wie wir ja schon wissen: Dann sind wir auch Antisemiten, und das sind wir, weil wir unser durchs Leben gebeuteltes Gemüt durch Gewalt gegen den Juden kühlen wollen.
    Wir können uns nicht dagegen wehren, dass solche „Analysen“ über uns angestellt werden, sondern müssen damit leben, und versuchen, das Beste draus zu machen. In diesem Fall ist das Beste, was wir machen können, weniger über diese „Analyse“ zu sprechen, als über das eklatante Missverständnis, auf welchem sie fußt. Denn das Missverständnis, ob wir das nun als Bedürfnis haben oder nicht, besteht ja darin, dass wir – selbst wenn es uns darum gehen würde – niemanden freisprechen. Aber wie kommt das Missverständnis zustande? In unserem Redebeitrag jedenfalls kommt kein Freispruch vor, weder vom Wort, noch vom Inhalt her – wieso hat die Elendsverwaltung den Eindruck, es sei dennoch so? Schauen wir uns das Ganze einmal an.
    Was wir in unserem Text dargestellt haben, ist ja unter anderem dies: dass der Begriff des Antisemitismus gelitten hat durch die vergangenen Jahre und dass er sich gewandelt hat: von einer Selbstbezeichnung hin zu einem analytischen und kritischen Begriff, hin zu einem Schmäh- und Schimpfwort. Was ist denn die Folge von so einem Wandel? Die Folge von so einem Wandel ist, dass der Begriff von seinem Umfang her gesprengt wurde. Er sagt zu vieles und damit zu wenig aus, und er ist nur noch schwerlich auf die eine oder die andere Weise zu benutzen; egal, was man tut, kommt doch der ein oder andere Inhalt hinzu. Nicht wir als Gruppe haben das zu verantworten oder finden das gut, oder sonst etwas, sondern das ist eine Entwicklung, die man in der Wirklichkeit beobachten kann, wenn sie einen noch interessiert. Es ist ein Problem von Theoriebildung überhaupt, dass sie dazu tendiert, einen esoterischen Begriffsapparat zu erzeugen, also Begriffe zu verwenden, die nach außen hin nicht verständlich sind, weil sie eine inhaltliche Aufladung bekommen, die nur Eingeweihten bekannt ist. Ein besonderes Problem aber entsteht, wenn die Begriffsverwendung mit den unterschiedlichsten und jeweils für sich gewichtigen Aufladungen angefüllt ist, sodass die sinnvolle Verwendung des Begriffs nur noch dann möglich ist, wenn er gegen die anderen abgedichtet wird. Dadurch wird der Begriff stillgestellt, verliert seine Eigenbewegung und damit seine Qualität als Begriff. Er soll ja gerade dazu taugen, das, was ist, darzustellen, aber das kann er nur, wenn er seine Eigenbewegung behalten kann. Der Begriff Antisemitismus ist durch seine vulgäre Verwendung einerseits und seine Abdichtung gegen Veränderung andererseits in einen leblosen Zustand eingetreten, was es schwierig macht, ihn kritisch zu verwenden. Das, was nun die Elendsverwaltung – wie auch andere Gruppen – versuchen, ist ihn weiterhin kritisch zu verwenden, ohne dabei kritisch zu sein: Er wird verwendet, ohne seine Abschleifungen und Zurichtungen zu reflektieren und diese aus der gesellschaftlichen Bewegung insgesamt zu verstehen. Denn nicht subjektiver Mangel seiner Verwender:innen ist es, der ihn zugerichtet hat, sondern der Mangel des gesellschaftlichen Zustandes insgesamt, der sich durch die Subjekte vermittelt.
    Hierüber scheint der Elendsverwaltung jedes Bewusstsein zu fehlen, was dann zu dem fatalen Unverständnis gegenüber den Ausführungen des Redebeitrags führt. Der Begriff Antisemitismus wird als Eigentum betrachtet, und weil er einem selbst gehört, darf man ihn auch verwenden, wie es einem passt; die Verwendung durch andere ist bedeutungslos. Genau diesen Mangel, den die Elendsverwaltung unfreiwillig demonstriert, haben wir in unserem Redebeitrag aber ins Bewusstsein heben wollen. Es geht eben gerade nicht um die richtige Verwendung des Begriffs des Antisemitismus. Es geht nicht darum, ihn im eigenen Sinne als Herr im Hause zu gestalten, sondern es geht darum, den Verfall des Begriffs zu verstehen, und den sich darin ausdrückenden Wandel der Gesellschaft nachzuzeichnen. Im Kontrast hierzu wird der Begriff dann selbst weiter ruiniert, indem er sowohl als Schmähwort genutzt, als auch als analytischer Begriff verwendet werden soll. Das sieht auch die Elendsverwaltung fast ein:
    „Deshalb geht es bei der Kritik des Antisemitismus nicht darum, jemanden mit einem „Schmähwort“ bloßzustellen, weil man selbst es besser weiß, sondern versucht sich dadurch Gesellschaftskritik zu artikulieren, denn die Gesellschaft ist die Grundlage des Antisemitismus und nicht die Verdorbenheit des Einzelnen, auf den es aber trotzdem gleichzeitig ankommt.“
    Aber gerade das wird ja nicht geleistet. Stattdessen wird ganz blind gegenüber der eigenen Position daran festgehalten, dass diejenigen, die sich selbst jetzt Antizionisten nennen, eben unbedingt und bedingungslos als Antisemiten zu bezeichnen sind, als könne man damit einfangen und bannen, was gar nicht mehr einzufangen ist. Genau dieses In-den-Bann-Schlagen ist das Anliegen der Elendsverwaltung: Zwar geht es einem nicht um „die Verdorbenheit des Einzelnen“, aber man glaubt, ihn dennoch damit gefasst, und damit auch im Griff zu haben. Und auch hier ist etwas dran: Erst durch den Begriff erlangt man das Verständnis der Sache. Wenn dazu die Herrschaft über den Begriff notwendig ist und man aber dann dessen Bewegung nicht folgt, verliert er seine Kraft. Denn der Begriff bewegt sich, weil das, was er begreift, sich auch bewegt.
    Als Konsequenz von dieser Statik im Denken wird die wesentliche Veränderung, und damit das, worum es im Redebeitrag ging, nicht verstanden. Der Punkt, den wir in der Kürze eines Redebeitrags so darstellten:
    „Für den Antisemiten war der Jude schuld am ausufernden Zwang des gesellschaftlichen Prozesses, für all das Elend, dass dabei war, die Welt zu verschlingen. In dieser widersinnigen und wahnhaften Verzerrung der Welt ist der Mord an den Juden das subjektive Erleben des Kampfes um die Freiheit durch die Verwirklichung des gesellschaftlichen Irrsinns gegen den Menschen.“
    würde die Elendsverwaltung vermutlich teilen, ihn aber auf das Heute strecken und denken, dass diese Situation so auch weiter fortbesteht.
    Und im Redebeitrag geht es weiter: „Antizionisten sehnen den Untergang der alten Ordnung herbei. Sie identifizieren sich nicht mit dieser Ordnung, sondern mit der Gewalt gegen diese Ordnung. Deswegen erscheint ihnen der Angriff der Hamas als Befreiung. Nicht weil Juden dort niedergemetzelt wurden, sondern weil der Kampf gegen die Aufrechterhalter des Alten, des vergehenden gesellschaftlichen Zwangs begonnen hat.“
    Die alte Ordnung, das ist in diesem Kontext die gegenwärtige Ordnung, die Ordnung, für dessen negative Auswirkung der Antisemit den Juden verantwortlich macht. Der Antizionist richtet sich nicht mehr gegen den Juden als den Verantwortlichen für die negative Seite des gesellschaftlichen Ganzen, sondern der Antizionist richtet sich gegen diese Ordnung im Ganzen. Nicht mehr der Jude wird als Verursacher der negativen Auswirkungen der bürgerlichen Gesellschaft gesehen, sondern die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes erscheint als negativ. Alles Schlechte geht von dieser Ordnung aus.
    Wer hierin einen „Freispruch“ sieht, verpasst die Dimension dessen, was sich in der Welt gerade abspielt. Wir zitieren uns nochmal selbst aus dem Beitrag:
    „Dass mit ihnen keine bessere, sondern eine noch schlimmere neue Ordnung aufzieht, sehen sie nicht. Und das ist es, was sie gefährlich macht, nicht die Frage, ob sie Juden hassen oder nicht.“
    Hiermit wird niemand „freigesprochen“ oder ähnliches, hier wird die Dimension der Bedrohung aufgezeigt, die sich aktuell in den unterschiedlichsten Strömungen, unter anderem auch im Antizionismus ausdrückt. Und die Bedrohung kommt dabei nicht von den gewalttätigen und grausamen Einzelnen, die sich nennen können, wie sie wollen, und es ändert sich nichts an ihrer Grausamkeit. Die Bedrohung kommt aus dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand und Prozessen, die in ihm ablaufen, auf den die Menschen dann auf die aktuelle Weise reagieren, weil die Prozesse dunkel und unverstanden sind.
    Hier glaubt die Elendsverwaltung wesentliches schon geleistet zu haben. Sie ist über alles schon hinaus, sie weiß, was richtig und was falsch ist, hat die Gesellschaft ausreichend verstanden, und kann aus dieser festen und hohen Position das Urteil sprechen. Das selbstgefällige Urteil über uns als Gruppe fällt dabei weitestgehend negativ aus, was wir hier als letzten Punkt thematisieren werden.

    4. Deutscher denken als gedacht

    Die Elendsverwaltung führt mehrere Angriffe auf uns durch, wohl mit dem Ziel, uns zu diskreditieren. Wie schon die Verfasser andere Texte, die sich uns gegenüber in erhabene Position bringen wollten, wird uns wohl eine gewisse Bedeutung zugesprochen, eine gewisse „Reichweite“. Und da das, was wir sagen, für falsch empfunden wird, gilt es, dies zu unterbrechen, sich selbst Reichweite zu verschaffen, und so das eigene Denken als richtiges zu etablieren.
    Dagegen spricht erstmal gar nichts. Wie schon dargelegt, geht es uns nicht um Zustimmung, sondern darum, gemeinsam die Fähigkeit zu entwickeln, die gegenwärtigen Verhältnisse zu begreifen. Es ist klar, dass alleine hierin schon eine Kränkung liegt: die Kränkung, zu sagen, dass das noch nicht so ist. Dass das, was alle schon denken – egal in welcher Ausprägung – noch mangelhaft ist. Und gerade jene, die sich auf ihr Denken etwas einbilden, können und wollen das nicht glauben. Das subjektive Gefühl, es doch bereits besser zu wissen, verhindert, sich mit unseren Inhalten zu befassen, und reizt zum Angriff, der dann doch nur eine Abwehr ist, die Abwehr des Gefühls, über welches man sich schon hinauswähnte: das Gefühl des geistigen Mangels. Dies ist es, was einen zum Angriff treibt, und für einen Angriff braucht man eine Waffe: Die gewählte Waffe ist bisher die Polemik.
    Jetzt haben wir in der Antwort auf eine vergangene „Kritik“ an uns schon einmal kurz etwas zur Polemik gesagt und wir wollen es hier nochmal tun, diesmal aber etwas ausführlicher, und wir wollen einmal sagen, was das mit der Polemik als Mittel denn so auf sich hat.
    Zuerst einmal möchten wir unterscheiden zwischen der Polemik als reines rhetorisches Mittel und der politischen Polemik in der radikalen Linken. Während ersteres ganz einfach eine bestimmte Technik ist, folgt die politische Polemik in der radikalen Linken einem politischen Ziel. Hier geht es nicht darum, irgendeiner Sache mit unfairen Mitteln zum Sieg zu verhelfen, sondern es geht darum, etwas politisch Bedeutsames zu seinem Recht zu verhelfen im gemeinsamen Anliegen. Denn unser gemeinsames Anliegen ist ja die Befreiung: dass der Mensch über die Verhältnisse das wisse, was er braucht, um sie in seinem Sinne zu beeinflussen und nicht ihr blindes Objekt ist.
    Wesentlich zur Etablierung der Polemik in diesem Kontext haben Marx und Engels beigetragen, und ihre Position hierzu erfuhr zuletzt eine engagierte Würdigung Anfang der 2000er, als die Antideutschen zum Gefecht gegen die theoretischen Restpositionen der radikalen Linken zu Felde zogen. Besonders populär für die eigene Rechtfertigung ist eine Passage aus Marx` Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, die wir hier kurz zitieren:
    „Krieg den deutschen Zuständen ! Allerdings ! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, sondern ebenso verächtliche als verachtete Existenzen. Die Kritik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Arbeit die Denunziation. […] Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.“
    Marx und Engels hatten gute Gründe für ihre Position. Sie mussten sich in einem geistigen Umfeld behaupten einerseits, welches gänzlich gegen sie gerichtet war; sie versuchten andererseits, den Mut und die Kraft zu versammeln, sich dem erdrückenden Zwang der Verhältnisse entgegenzusetzen, und das nicht nur für sich selbst, sondern für alle. Ihre Angriffe waren Angriffe gegen das Falsche schlechthin, ungeachtet dessen, wer es aussprach. Denn wer blind die Partei für das Falsche ergriff, war damit nur blinder Ausdruck des Falschen, und da so jemand den Sieg des Falschen absichern wollte, war Marx und Engels jedes sprachliche Mittel recht.
    Es bedarf schon einer gewissen Selbstverliebtheit, sich diese Position zu eigen zu machen. Denn wenige haben Vergleichbares geleistet, in der radikalen Linken wohl niemand. Aber weil die Sache der postmodernen bürgerlichen Gesellschaft, das der Identität ist, fühlt man sich halt identisch mit allem, womit man sich identisch fühlen will, und bei jenen, die von Marx` geistiger Wucht beeindruckt sind, wird ganz gegen seine Theorie sich mit Marx identifiziert. Man ist als Marxist vielleicht selbst ein kleiner Marx und damit ausgestattet mit allem Recht, polemisch draufzuhauen, wenn es einem in den Sinn kommt. Ähnlich erging es den Antideutschen: An wenigen, die zum Ziel ihrer Polemik wurden, ging diese spurlos vorbei und so umstritten sie auch zu allen Zeiten schon gewesen sind, hatten sie doch auch schon bald ihre Anhänger, die aber die Polemik der Antideutschen sich nur der Form nach aneignen konnten. Da ihnen das geistige Rüstzeug fehlte, welches einen Angriff gegen das Falsche schlechthin zu führen irgendwie ermöglicht hätte, adaptierten sie nur antideutsche Phrasen, mit denen sie dann hofften, die gleiche Wirkung zu erzielen, wie die von ihnen bewunderten Antideutschen.
    Egal, wie oft heute noch der Titel „antideutsch“ verwendet wird, um irgendwen zu diskreditieren: Die Antideutschen sind Geschichte. Sie haben erst ihren Biss, dann ihre Relevanz und dann ihre Strukturen verloren, und was von ihnen übriggeblieben ist, existiert fort jenseits aller öffentlichen Wahrnehmung. Jene, die heute als Antideutsche geschmäht werden, sind keine mehr und waren es sehr wahrscheinlich auch nie. Das Momentum der Antideutschen ist vorbei, und zwar deswegen, weil sie sich gegenüber den Verhältnissen, die sie kritisierten, nicht haben behaupten können. Die Vermittlung, um derentwillen sie sich für die Polemik entschieden, gelang nicht, aber sie können für sich beanspruchen, das traditionelle geistige Klima in der radikalen Linken aufgewirbelt und auch in beträchtlichem Ausmaß für ein Umdenken gesorgt zu haben. Ein Umdenken, das allerdings keine dauerhafte eigene geistige Kraft hat hervorbringen können, sodass sich in der gegenwärtigen radikalen Linken bürgerliche und reaktionäre Kräfte durchsetzen.
    Vergangene und lebendig ausgetragene Konflikte besitzen eine Strahlkraft, und so kommt es, dass diejenigen, die nicht dabei waren, wünschen, es würde wieder so werden, wie sie denken, dass es einmal war: Sie betreiben Mimikri. Das bedeutet einmal kurz gesagt: Sie spielen jene nach, mit denen sie Identität verspüren, ungeachtet der Tatsache, dass es so eben nicht mehr passt. Aber in Zeiten, wo alle sich ihre eigene Realität erschaffen können und sollen, spielt das keine Rolle mehr.
    Eine solche geistige Situation rechtfertigt keine Polemik, erklärt aber, wieso sie als Mittel gewählt wird. Sie ist selbst der Stumpfsinn, gegen den sie ins Feld führen will, Ausdruck alltäglicher Orientierungslosigkeit in einer Zeit, die so haltlos ist, dass man an nichts mehr Halt findet als an seiner eigenen Rezeption des Vergangenen. Damit wird man zu dessen Apologeten.
    Wir sind nicht bereit, uns damit abzufinden. Das Niveau der politischen Auseinandersetzung muss gesteigert werden, weil die politische Auseinandersetzung das Einzige ist, was uns in die Lage versetzt, dass wir uns gegenüber den falschen Verhältnissen behaupten. Wir sind sehr dafür, dass unsere Texte kritisiert werden. Voraussetzung dafür ist aber, dass man sie verstanden hat, und wer das tut, der kann polemisch sein, wie er will. Wenn aber in der Polemik unsere Position gar nicht mehr auftaucht, wenn stattdessen nur noch derjenige auftaucht, der sich in seiner Identität gekränkt fühlt, weil gesagt wird, was nicht im eigenen Sinne ist, dann ist Polemik vor allem eins: lächerlich.

    Einige von alea